Arbeitsmarkt leer gefegt: Schulleiter verzweifelt gesucht

Weil Bewerber fehlen, sind 29 Grundschulen seit Monaten ohne Leitung. Eine Folge von schlechter Bezahlung und den Wirren der gescheiterten Schulreform.

Ungelöste Aufgabe für den Senat: Vielen Grundschulen fehlen DirektorInnen Bild: dpa

Sven-Olaf Koll hat anstrengende Monate hinter sich. Von November bis März hat der Lehrer die kleine Grundschule Altrahlstedt mit acht Kollegen und 214 Schülern geleitet. "Kommissarisch", weil ein Schulleiter fehlt. Und nebenher stand Koll 26 Stunden pro Woche in seiner Klasse.

Seither entlastet ihn dort eine Aushilfskraft. Aber es fehle an Räumen und Kapazitäten im Sekretariat. Und finanziell lohnend ist der Leitungsjob für Koll immer noch nicht.

"Ich bekomme gar nichts zusätzlich bei meiner Gehaltsklasse", sagt Koll. "Ich mache das aus Enthusiasmus." Die Stelle für die Schulleitung sei seit Januar ausgeschrieben, aber es gebe keine Bewerber dafür.

Schulleiter von Gymnasien und Stadtteilschulen verdienen besser.

Grundschulleiter bekommen bis 229 Schüler A 13 plus 168 Euro Zulage. Das sind bei zwölf Berufsjahren 4010,11 Euro brutto. Von 230 bis 359 Schülern gibt es A 14 (4.188 Euro brutto), von 360 bis 539 Schülern gibt es A 14 plus Zulage, ab 540 Schülern A 15 (4.883 Euro).

Grundschullehrer, die seit 2005 eingestellt wurden, verdienen nur A 12. Das wären nach zwölf Jahren 3.445 Euro brutto.

Gymnasial- und Stadtteilschulleiter erhalten bis 390 Schüler A 15 plus Zulage, über 390 Schüler A 16. Das sind bei zwölf Berufsjahren 5.051 und 5.425 Euro brutto.

Die kleine Schule am Rande des Rahlstedter Ortskerns haben die Wirren der gescheiterten Schulreform hart getroffen. Früher war sie eins mit der gleichnamigen Haupt- und Realschule, die nun eine eigenständige Stadtteilschule ist.

Im August 2010 fusionierte sie deshalb mit einer Nachbargrundschule zu einer neuen größeren Einheit. Nach diesem Beispiel gab es etwa 50 Schulfusionen in der Stadt.

Doch es knirschte. Die Konzepte der Kollegien passten nicht zusammen. Und als mit einem Streich im September 2010 alle Fusionen wieder aufgehoben wurden, war man in der Altrahlstedter Schule nicht traurig.

Doch es blieben nicht nur hier sehr kleine Einheiten zurück - mit einem Problem: 29 Grundschulen in Hamburg fehlt eine Leitung, das brachte eine Anfrage der GAL-Politikerin Stefanie von Berg zu Tage.

Bei der Hälfte dauert dieser Zustand sogar länger als neun Monate. Der Markt scheint leer gefegt. Für insgesamt 34 freie Leitungsstellen - auch fünf Gymnasien und eine Stadtteilschule hatten Vakanzen - gab es nur 22 Bewerbungen.

Besonders hart trifft es Grundschulen in Gebieten mit niedrigem Sozialindex. Hier kamen auf fünf freie Stellen nur eine Bewerbung. Der Grund für den Mangel liege in der "unverhältnismäßig schlechten Besoldung", sagt von Berg. Bei gleicher Schülerzahl bekommen Leiter von Grundschulen weniger Geld als Leiter von Gymnasien.

Die Mehrarbeit dieser Position stehe in keinem Verhältnis dazu. Doch bei den Schulen wirke auch die Enttäuschung über die gescheiterte Primarschulreform nach. Seither seien Gestaltungsspielräume gestrichen worden.

"Die Wertschätzung, die die Grundschule durch die Primarschulreform erfahren hatte, ist jetzt wieder weg", bedauert auch Rainer Kühlke. Er leitet die Schule Grumbrechtstraße, eine von vieren, die nun im Schulversuch das Konzept erprobt. In den sechsjährigen Primarschulen hätte es mehr Schüler gegeben. Folglich wären die Schulleitungen besser bezahlt und durch ein Leitungsteam entlastet worden.

Auch die Schulbehörde sieht einen Zusammenhang zum Reform-Desaster. Als klar wurde, dass viele Schulen fusionieren, hätten sich viele Schulleiter frühpensionieren lassen, berichtet Pressesprecher Peter Albrecht.

Die Bezahlung der Leitungskräfte hänge aus rechtlichen Gründen von der Schülerzahl ab, sagt Albrecht (siehe Kasten). Die Lage habe sich seit Beantwortung der GAL-Anfrage aber entspannt. Etliche Stellen würden zum neuen Schuljahr besetzt, jedoch "mit Sicherheit nicht alle".

Probleme gebe es zum Beispiel bei Grundschulen, deren Zukunft unsicher sei. Darüber, welche auf Dauer bestehen, wird im Herbst im neuen Schulentwicklungsplan entschieden. Um mehr Lehrer für Leitungsjobs zu gewinnen, erwägt die Behörde ein "Trainee-Programm".

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