Anwohnerinitiative gegen den Flughafen Tempelhof

Die Aktivisten der allerersten Flugstunde

Engagierte Anwohner kämpfen seit 22 Jahren gegen den Flughafen Tempelhof - ohne Geld von mächtigen Spendern, dafür mit viel Herzblut.

"Brauchen wir das noch?", fragt sich Heinrich Krüger mehrfach an diesem Abend. "Ist es nicht zu spät?" Die Schillerpromenade in Neukölln ist in gelbe Straßenbeleuchtung getaucht, im Laden des Quartiersmanagements brennt seit Stunden das Licht. Gegen 22 Uhr hat sich das Grüppchen durch die Satzung diskutiert - aus der Bürgerinitiative Flughafen Tempelhof wird am Montagabend der Verein "Bürgerinitiative flugfreies Tempelhof" (BIFT). Gründungsmitglieder: 11, Ziel: Stilllegung des Flughafens Tempelhof.

Dass die Bürgerinitiative nach mehr als 20 Jahren einen Verein gründet, liegt am Geld: Als Verein können die Flughafengegner nun auch Spenden einwerben. Doch der Vorsprung der Flughafenfans von der Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof (Icat) ist riesengroß, deren finanzielle Ressourcen scheinen unerschöpflich. Die Icat sammelt seit Monaten Unterschriften für den Weiterbetrieb von Tempelhof und hat für die Kampagne nach eigenen Angaben 340.000 Euro aufgeboten. Fast 170.000 Berliner haben bereits unterschrieben, damit der Flughafen per Volksentscheid erhalten werden kann.

Gegen den innerstädtischen Flugbetrieb kämpft Anne Schmidt schon seit 22 Jahren: 1986 rief sie zum ersten Treffen von Flughafengegnern in den Gemeindesaal Neutempelhof auf. 200 Leute kamen, der Saal war voll. "Selbst aus Friedenau und Wilmersdorf waren welche da", erzählt sie. Anne Schmidt lebte damals mit Ehemann und Sohn seit vier Jahren in der Tempelhofer Einfamilienhaussiedlung am Rande des Flugfeldes. Heute unterbricht nur vereinzelt das Heulen der Turbinen einfliegender Geschäftsflieger die kleinstädtische Idylle. Damals beschwerten sich die Anwohner über den Startlärm und den "grauenhaften Kerosingestank" der schweren US-amerikanischen Transportmaschinen. Auch im Gemeindesaal wurde damals gestritten, ob der Flughafen geschlossen werden soll. "Die Männer waren realistischer und sagten, gegen das Militär könnten wir uns sowieso nicht durchsetzen", erinnert sich Schmidt. Aber die Frauen meinten: "Fordern können wir es ja."

1990 war die Bürgerinitiative gegen Tempelhof immerhin bis zum Stadtkommandanten vorgedrungen, doch das Treffen mit ihm fiel aus, weil die Mauer fiel. Als der Flughafen in den 90er-Jahren wieder als Verkehrsflughafen fungierte, stieg mit dem Lärmpegel auch das Engagement der Bürger. "Es waren vor allem Eltern mit kleinen Kindern und Mütter, die sich engagierten", sagt Schmidt. Jetzt sind die Kinder erwachsen, viele der einstigen Flughafengegner haben der Initiative den Rücken gekehrt. Aus Tempelhof kommen die meisten Stimmen für den Erhalt des Flughafens. "Die Leute sehen den Flughafen als Bollwerk und haben Angst, dass die Kriminalität aus Neukölln rüberschwappen könnte", sagt Schmidt und lächelt. Sie arbeitet als Lehrerin an einer Gesamtschule am Südstern. "Wir kriegen fast nur noch Schüler mit Hauptschulempfehlung." Die Klientel, die die Tempelhofer Ärzte, Lehrer und Anwälte so fürchten, sitzt bei ihr im Unterricht. Es wäre doch schön, sagt sie, für die Schülerinnen und Schüler, wenn sie bald einen Park vor der Haustür hätten.

Als Schmidt die Bürgerinitiative gründete, wohnte Heinrich Krüger in der Villa in Nikolassee, die ihm die Eltern hinterließen. Ein Jahr später verkaufte er und zog nach Neukölln. "Ich wollte weg vom beobachteten Leben." Krüger kaufte sich einen eigenen Beobachtungsposten. Hoch oben im vierten Stock eines Eckhauses kann er über das Flughafengelände bis nach Tempelhof gucken. Die Kontakte zu den Tempelhofer Flughafengegnern waren damals schon geknüpft - blieben allerdings dünn, weil der Weg rund um das Flughafengelände zu weit war. "Ich bewundere Anne Schmidt dafür, dass sie so früh dran war und drangeblieben ist", sagt Krüger heute.

Auch Heinrich Krüger ist einer, der dranbleibt, nicht lockerlässt und andere nerven kann mit seiner Beharrlichkeit. "Zieh doch wieder nach Zehlendorf, wenn es dir in Neukölln nicht passt", rieten ihm Vertreter der Fluggesellschaften, die er bei Gesprächen traf. Doch ein Umzug kam für ihn nie in Frage: Selbst als er 1999 als Ministeriumsmitarbeiter für acht Jahre nach Bonn versetzt wurde, behielt er die Wohnung in Neukölln. "Viele sagen, ihnen gefällts hier nicht, unser Kinder sind bedroht, hier sind so viele Ausländer. Wir müssen eben die Umstände so ändern, dass man bleiben kann."

Der Kampf gegen den Flughafen ist für ihn auch soziales Engagement. Wenn der Flughafen schließt, dann wird auch das Viertel aufgewertet, ist seine Überzeugung. Aber viele interessiet das nicht, räumt er ein. Die meisten haben dringendere Probleme, Neukölln-Nord gilt als Brennpunktkiez. Krüger kämpft für alle: "Ich will denen eine Stimme geben, die keine haben."

Der Vorsitzende des neuen Vereins BIFT, Manfred Herrmann, wohnt nicht mehr in Hör- und Sichtweite des Flughafens. Vor fünf Jahren ist er von Neukölln auf die Halbinsel Stralau gezogen, ein Neubaugebiet an der Spree. "Ich wollte am Wasser wohnen." Einst leitete Herrmann die Verkehrs-AG der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung und kam darüber in Kontakt mit der Bürgerinitiative. "Nach dem Umzug dachte ich, jetzt mach ich das noch zu Ende."

Die BIFT hat weder Geld noch prominente Unterstützer. Flugblätter verteilen Herrmann und Krüger zu zweit. "Aber dafür stehen der Senat und alle Parteien hinter uns", sagt Herrmann. Die Icat belächelt den Kontrahenten: "Der Herrmann und seine Truppen", heißt es, "die kämpfen nicht in unserer Gewichtsklasse." Das weiß auch Herrmann - und setzt darauf, dass beim Volksentscheid nicht genügend Befürworter für den Flughafen stimmen. Und danach gehts weiter: Der Verein werde sich einmischen, wenn es um die Nachnutzung des Flughafens geht.

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