Anschläge auf Moskaus U-Bahn

Panik im Untergrund

Die mutmaßlichen Attentäterinnen in der Moskauer Metro sind noch nicht identifiziert. Russische Sicherheitsbehörden vermuten Racheakte aus dem Kaukasus.

"Es war wie in einem Horrofilm", schreiben russische Blogger. Bild: rtr

ST. PETERSBURG taz | Die russische Hauptstadt Moskau steht unter Schock. Es ist Montagmorgen, im Zentrum der Stadt ist es soeben zu zwei Explosionen gekommen. Hunderttausende Moskauer waren gerade auf dem Weg zur Arbeit. Die erste Explosion ereignet sich um 7.55 Uhr Moskauer Zeit in der U-Bahn-Station Lubjanka, nur einige Meter entfernt von dem berühmt-berüchtigten Gebäude des früheren Geheimdienstes KGB, des heutigen FSB.

Laut Augenzeugen war der Zug in die Station eingefahren, und die Türen öffneten sich gerade, als ein ohrenbetäubender Knall zu hören war. "Die Menschen lagen in ihrem Blut", berichtet Augenzeuge Valeri. "Viele fielen vor Angst in Ohnmacht, die Verletzten schrien, und wer nicht schreien konnte, stöhnte vor Schmerzen." Panik brach aus, die Menschen versuchten die Waggons fluchtartig zu verlassen. Nach unbestätigten Informationen kam es zu einem Handgemenge, bei dem ebenfalls mehrere Personen verletzt wurden.

"Es war wie in einem Horrorfilm", schreiben russische Blogger. Die Gesichter der Überlebenden waren weiß vom Staub oder schwarz vom Ruß."

27. November 2009: Beim Anschlag auf den Schnellzug Moskau-St. Petersburg sterben 26 Menschen, 100 werden verletzt.

21. August 2006: Auf einem Moskauer Markt explodiert eine Bombe. 10 Tote, 50 Verletzte.

1. September 2004: 32 Bewaffnete überfallen eine Schule in Beslan (Nordossetien) und nehmen mehr als 1.100 Kinder, Eltern und Lehrer 52 Stunden lang als Geiseln. 331 Opfer und 31 Terroristen sterben.

6. Februar 2004: Eine Bombe in der Moskauer U-Bahn tötet etwa 40 Fahrgäste.

23. Oktober 2002: 41 Tschetschenen überfallen ein Moskauer Musicaltheater und nehmen über 800 Geiseln. 129 Menschen sterben bei der Erstürmung. (dpa)

Die zweite Explosion, der ein ähnliches Szenario folgte, ereignet sich 40 Minuten später unweit vom ersten Tatort, in der U-Bahn-Station "Kulturpark". Jeweils wenige Minuten nach den Anschlägen treffen an den U-Bahn-Stationen Rettungskräfte ein, die sich um die Verletzten kümmern. Auch normale Fahrgäste helfen. Sie besorgen Trinkwasser und etwas zu essen. Anders reagierten die Moskauer Taxifahrer auf die Katastrophe. Augenzeugen berichteten, dass diese sofort ihre Fahrpreise verzehnfachten, ungeachtet dessen, dass der U-Bahn-Verkehr unterbrochen war und die Straßen komplett verstopft waren.

Nach offiziellen Angaben sind bei der Tragödie mindestens 38 Menschen gestorben und mehr als 60 verletzt worden. Die Rechtsorgane leiteten sofort Ermittlungen gemäß dem Terrorismusparagrafen ein. Die beiden Anschläge sollen von zwei Selbstmordattentäterinnen verübt worden sein, die Gürtel mit Sprengsätzen trugen. Spezialisten entdeckten die Überreste zweier Frauenkörper, die bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt waren.

"Gerade wurden die Aufnahmen der Videokameras aus den U-Bahn-Stationen beschlagnahmt, auf denen die mutmaßlichen Helferinnen zu sehen sind", zitiert die Nachrichtenagentur Itar-Tass einen Spezialisten. "Die Filme werden jetzt genau ausgewertet. Auf dieser Grundlage werden Phantombilder erstellt, die an alle Abteilungen der Behörde für Inneres weitergeleitet werden." Die mutmaßlichen Helferinnen hätten ein slawisches (und nicht kaukasisches) Aussehen.

Auf Anweisung der russischen Regierung wurden die Sicherheitskontrollen überall verstärkt. Staatspräsident Dmitri Medwedjew räumte ein, dass die jüngsten Ereignisse in der Moskauer U-Bahn die Unzulänglichkeit der Maßnahmen beweisen, die die Sicherheit im Inneren des Landes gewährleisten sollen. "Die Tat macht offensichtlich, dass Aktionen solcher Art gut geplant werden und dabei auf einen massenmobilisierenden Effekt setzen. Sie sind darauf ausgerichtet, die Gesellschaft und das Land zu destabilisieren", betonte Medwedjew. Zugleich unterstrich er, dass die Operation zum Kampf gegen den Terrorismus noch lange nicht zu Ende sei. "Wir bleiben dabei, den Terror in unserem Land zu unterdrücken, der Kampf gegen den Terrorismus geht weiter."

Es ist davon auszugehen, dass die Spur der Terroranschläge in den Kaukasus führt, vermutet ein Experte aus einer der russischen Machtinstitutionen. Das sei auch die Version, die derzeit als wahrscheinlichste angesehen werde, so die russische Nachrichtenagentur Interfax. Die Explosionen könnten, so der Experte weiter, Racheakte von Terrroristen für Operationen von russischen Sicherheitskräften im Nordkaukasus sein. Bei derartigen Operationen waren Anführer der Terroristen getötet worden. Und in Inguschetien sei sogar eine ganze Gruppe des terroristischen Untergrunds vernichtet worden.

Diese Annahme wird von Veröffentlichungen der Internetseite Kavkazchat.com gestützt. Die Seite unterstützt die Sache der tschetschenischen Aufständischen. Am Montag begrüßten die Verantwortlichen der Internetseite die Explosionen in Moskau. "Die Hunde, die sich freuen, wenn einer von uns ermordet wird, haben wohl nicht gedacht, dass sie ein derartiges Leid selbst einmal treffen könnte! Und so schnell kam es dann, ihr Leid, eine schnelle Antwort, Allah sei Ruhm, Allah ist groß!", heißt es dort.

Schon werden erste Vermutungen über mögliche Folgen der Terroranschläge laut. Aus Kreisen der russischen Sicherheitskräfte ist zu hören, dass zwangsweise von allen Menschen in Russland Fingerabdrücke genommen werden. "Hätte man doch nur diesen unseren Vorschlag schon früher gehört, dann hätte man die Identität der Terroristinnen im Laufe von gerade einmal einer halben Stunde feststellen können", sagte Sergej Markin, offizieller Vertreter der der Generalstaatsanwaltschaft Russlands unterstellten Ermittlungsbehörde.

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