: Alles kann, nichts muss
Grenzenlose Freiheit soll nicht gleich Grenzenlosigkeit sein: Ein neuer Club im sexpositiven Nachtleben Berlins möchte Consent sexy machen
Foto: Club Rosa
Aus Berlin Lilly Schröder
Die pinke Fassade glitzert wie ein Barbie-Traumhaus zwischen den grauen Zweckbauten im Pankower Industriegebiet. Hinter den Türen zieren riesige Nahaufnahmen von fleischigen Vulven, gepiercten Penissen und steifen Nippeln die Wände. Ein langer Gang aus Sichtbeton und LED-Röhren führt in den „Playroom“ des neuen Berliner Kink-Clubs Rosa: quietschpinke Sofas, Gruppenschaukeln aus Leder, ein rosa Andreaskreuz und ein rosa Gynäkologenstuhl mit rosa Latexhandschuhen – „examination gloves“.
„Wir wollten der alten BDSM-Kultur Tribut zollen und gleichzeitig schauen, wie sie in Zukunft aussehen kann“, sagt Karl Verboten. Der Kinkparty-Veranstalter steht auf dem Mainfloor, seine langen blonden Haare fallen über die Schultern. „Das Rosa soll nicht so hart-maskulin sein“, sagt Karl, der seinen bürgerlichen Namen nicht verrät. „Wir wollten die Kinkkultur aus dem feuchten Keller rausholen und in das Tageslicht stellen.“
Nach mehrfach verschobenem Eröffnungstermin soll der Kink-Club in sechs Monaten in den Räumen des ehemaligen Techno-Clubs Mensch Meier eröffnen. Vereinzelt finden bereits Pre-Events statt. Das letzte Überbleibsel des antikommerziellen Mensch Meier: ein komplett rot lackierter Raum.
Antikommerziell ist das, was hier als sexpositiver Club entstehen soll, beileibe nicht. Es schreit nach Tiktok-Ravern, Hyperkommerz und Instagrammability. Man habe in die „Designlanguage“ eine andere „Formsprache“ reinfließen lassen wollen, sagt Karl. Die besteht vor allem aus Spiegeln, Latexvorhängen und Lampen, LED-Röhren, rosa, rosa und rosa. Nur im Darkroom stehen schwarze Ledercouches. 1.200 Menschen passen in den Club, künftig sollen dort gehypte Veranstaltungsreihen wie Pornceptual und Klub Verboten stattfinden. Die von Karl Verboten gegründete Kink-Partyreihe veranstaltet regelmäßig Events in Berlin, London, Warschau und Manchester.
Bei den sexpositiven Events werden Nippel und Penisse freigelegt und Fetischgeschirr angelegt, hier wird geleckt, gebumst und gefeiert. Es sind Räume der grenzenlosen Freiheit, Räume, in denen Sex jenseits der Norm ausgelebt wird.
Die heilige Regel dabei soll aber sein: „Einverständnis ist nicht verhandelbar und unendlich sexy.“ Grenzen setzen und Sexpositivität sollen im Rosa kein Widerspruch sein. Der Club möchte beispiellose Awareness-Standards setzen.
Dafür brauche es neue Konzepte, sagt Karl, der das Rosa berät und für Innengestaltung und Awareness zuständig ist. „Awareness funktioniert mancherorts. Aber der Begriff ist so dehnbar, häufig fallen darunter auch Menschen voll mit Keta, die in pinker Weste herumlaufen“, sagt Karl. Für Kinkspaces reiche das Konzept nicht aus. Dort brauche es ein konkreteres Regelwerk.“
„Safeguarding“ nennt sich das Konzept des Rosa, das bereits bei Veranstaltungen von Klub Verboten zum Einsatz kommt. Es soll proaktiv eingreifen und nicht erst, wenn es schon zu spät ist. Die „Safeguards“ absolvieren dafür mehrere interne und externe Trainings und werden vor und nach jeder Veranstaltung gezielt gebrieft. Um den Sex sicherer zu machen, gibt es in den Playrooms Sanitärstationen mit kostenlosen Kondomen, Handschuhen, Gleitgel, antibakteriellen Tüchern und Sprays.
Eine Voraussetzung für Consent, also gegenseitiges Einverständnis und Zustimmung ist allerdings, dass man noch in der Lage sein muss, ihn zu geben. Vollgepumpt mit der Partydroge Ketamin ist das schwierig.
Bedeutet das, dass im Rosa nicht konsumiert werden darf? Vehementes Kopfschütteln. „Die Leute sollen sich entweder intoxizieren oder im Playroom aktiv werden“, sagt Karl. „Beides zusammen ist erfahrungsgemäß kompliziert.“ Von den Gästen werde zudem erwartet, „sich zumindest ein bisschen mit der Thematik auseinandergesetzt haben“. Das beginnt an der Tür: Dort werden unter anderem Consent, Personal Space oder sogenanntes Solo-Wanking („grundlos den Wiener rausholen und polieren“) abgefragt.
Nicht alle Clubgänger*innen sind davon begeistert. Im Internetforum Reddit wird die Befragung auch als „interrogation“ bezeichnet. Consent gilt in der sexpositiven Szene vielerorts noch immer als verpönt. Das zeigt sich besonders am KitKat-Club in Berlin. Der 1994 gegründete Kink-Club gilt als internationales Symbol für sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung. Benannt ist er nach dem legendären Kit-Kat-Club aus dem Musical „Cabaret“. Die Idee: Das provokante, freizügige und losgelöste Nachtleben Berlins zur Zeit der Weimarer Republik in moderner Techno-Form wiederaufleben zu lassen.
Doch dabei scheint grenzenlose Freiheit häufig mit Grenzenlosigkeit verwechselt zu werden. Immer wieder gibt es Berichte von sexuellen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen und Kritik an der Awarenesspolitik. Im kürzlich erschienenen Dokumentarfilm „KitKatClub – Kinks Of Berlin“ über den Club macht eine alte Garde Hedonist*innen, darunter KitKat-Gründer Simon Thaur und Partnerin Mali Thaur, klar: Für sie sind Menschen, die Consent fordern, nicht sexpositiv. Die junge sexpositive Generation habe „einen Stock im Arsch“, sagt Mali Thaur. Nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung im Club 2024 erklärte das KitKat, sein Awareness-Team sei bis dahin undercover unterwegs gewesen, „um zu vermeiden, dass sich das KitKat in einen ‚Moralpolizei‘-Staat verwandelt“.
Lea Holzfurtner, Sexologin
Die Sexologin Lea Holzfurtner kritisiert diese schwarz-weiße Darstellung: „Awareness ist nicht dasselbe wie Überwachung“, sagt sie. „Hedonismus und Consent widersprechen sich überhaupt nicht.“ Älteren Generationen sei jedoch durch Popkultur und Filme vermittelt worden, dass Consent „total unsexy“ sei. Jüngere Generationen hätten dort endlich auch eine andere Geschichte angeboten bekommen: Consent ist sexy. Trotzdem werde Sexpositivität noch immer häufig missverstanden als: „Immer Lust haben, alles probieren, möglichst viele Partner, möglichst wenige Grenzen.“
Diese falsch verstandene Sexpositivität erzeuge einen neuen Druck, der der Idee der Bewegung diametral entgegenstehe, so Holzfurtner. „Sexpositivität bedeutet, Sexualität vorbehaltlos zu betrachten.“ Das schließe auch das Nichtwollen mit ein. Die Sexologin findet: „Man sollte sexpositive Räume daran messen, wie viel Unlust da sein darf.“
Das Rosa möchte einen Raum dafür öffnen. „Wir gehören zu der Generation, die mit der sexpositiven Bewegung aufgewachsen ist, es aber anders machen will“, sagt Karl. Zur Awarenesspolitik des KitKat möchte er sich nicht äußern. Für ihn steht jedoch fest: „Würde es das KitKat nicht geben, wären wir alle nicht hier.“
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