piwik no script img

Alke Wierth Die FußgängerinGern mal etwas missmutig sein

Foto: privat

Mecker doch nicht immer“, gibt der Liebste der Fußgängerin auf der Suche nach Kolumnenthemen einen gut gemeinten Rat: „Du erlebst doch auch Schönes bei deinen Spaziergängen durch die Stadt!“ Ja, das kommt vor, und dann schreib ich auch drüber. Erst neulich erfreute mich ein Graffiti, das einfach aus einem schönen Wort bestand: „Gnaddeln“ leuchtete da in bunten Buchstaben durch den grauen Wintertag und versetzte mich sofort in gute Stimmung. Gnaddeln, das klang nach der norddeutschen Heimat meiner Mutter, wo ich nie gelebt habe, der ich mich aber dennoch verbunden fühle: vor allem durch das stets liebevoll klingende Plattdeutsch meiner Oma. Ich sah nach, was das Wort bedeutet; es ist tatsächlich Platt, auf Hochdeutsch heißt es missmutig sein und dem Ausdruck verleihen.

Tja, liebe Leser:innen, das ist dann wohl Schicksal, und da müssen wir jetzt gemeinsam durch bzw. ich muss und Sie möchten, das hoffe ich jedenfalls. Denn ich verstehe meinen Kolumnentitel ja schon auch als eine Art Klassenbegriff: Als Fuß­gän­ge­r:in zählt man nicht zu jenen, die sich einfach ein Taxi nehmen können, wenn die BVG, Berlins öffentlicher Nahverkehr, streikt – jene, die eben Kuchen essen, wenn das Brot mal alle ist. Dabei könnte ich mir das durchaus ab und zu leisten, seit ich einen Arbeitgeber habe, der seine Beschäftigten nach dem Ländertarif für den öffentlichen Dienst bezahlt. Was übrigens heißt: Erstreiken die BVG-Kolleg:innen höhere Löhne, profitiere ich irgendwann auch davon.

Aber trotzdem, liebe Leser:innen: Haben Sie das mitbekommen? Als Berlins Krankenhäuser bei tagelangem Glatteis auf schlecht geräumten Gehwegen wegen der vielen Sturzverletzten den Notstand ausrufen mussten, fuhren Anfang Februar während des BVG-Streiks Straßenbahnen leer durch die Stadt – leer vorbei an denen, die nun zu Fuß zur Arbeit mussten, Streik hin, Glatteis her. Das Bild dieser leeren „Geisterbahnen“, die hell erleuchtet, sicher und beheizt an Menschen vorbeifahren, die bei Minus 9 Grad am noch dunklen Berliner Morgen über glatte Gehwege stolpern, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wer fällt so eine menschenfeindliche Entscheidung? Und wo blieb der Aufschrei dagegen, der Protest?

Deutschland werde zunehmend zu einer „Untertanen-Demokratie“, lese ich in einer Berliner Zeitung, die mal links war und sich seit langem in AfD-Richtung bewegt. Die These des Autors, gleich in den ersten Zeilen des Textes zu lesen: Da der Staat trotz hoher Steuerlasten in Bereiche wie Infrastruktur oder Gemeinwesen kaum noch investiere, sinke das „Grundvertrauen“ in die Demokratie. (Warum das in eine Untertanen-Demokratie führen soll, bleibt mir schleierhaft; für das Tor durch die Paywall zum ganzen Text mochte ich nicht zahlen.)

Alke Wierth lebt in Berlin und spaziert durchs Leben.

Doch es erschreckt mich, wenn sich meine Gedanken mit denen Rechter überlappen: Ich bin eine Linke ohne jedes Vertrauen in das Demokratieverständnis insbesondere rechter Parteien. Dennoch: „Die AfD ist da!“, klagt eine Freundin, die zu rechtsextremen Strategien forscht. „Die machen Bürgerarbeit, sind da ansprechbar für Leute, wo sich sonst kein Politiker blicken lässt.“ Genau da beginnt das Problem, fürchte ich. Wenn politische Amts­trä­ge­r:in­nen zu häufig kranke Arbeitnehmende, zu faule Eltern, „Lifestyle-Teilzeit“ anprangern, zeigt das nicht nur, dass sie null Ahnung davon haben, wie viele Menschen in diesem Land darum kämpfen müssen, ein halbwegs gutes Leben organisieren und bezahlen zu können. Es ebnet auch den Weg für politisches Handeln, das die Nöte und Bedarfe dieser Menschen ignoriert. Sie werden zu „Untertanen“, die zwar ab und an wählen dürfen, sich dann aber bloß nicht mehr mucken sollen: eine ganz schlechte Basis für Demokratievertrauen.

Es erschreckt mich, wenn sich meine Gedanken mit denen Rechter überlappen

Und: Nein, ich bin keine dieser „Wut­bür­ger:in­nen“. Ich gnaddel bloß gern.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen