Agentenaustausch zwischen USA und Russland: Spion gegen Spion
Der erste Agentenaustausch seit dem Kalten Krieg geht am Wiener Flughafen über die Bühne. Dies ist der Versuch, eine diplomatische Krise abzuwenden.
BERLIN taz |Mit der Ankunft eines russischen und eines US-amerikanischen Flugzeugs auf dem Flughafen Wien-Schwechat am Freitagmorgen ist es erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges wieder zu einem Austausch von Spionage-Verurteilten gekommen. Als Ende Juni ein russischer Agentenring in den USA aufflog, schienen die russisch-amerikanischen Beziehungen erneut vor einer schweren Belastungsprobe zu stehen. Dies wollten jedoch offensichtlich beide Seiten vermeiden.
Zehn in den USA festgenommene Agenten wurden gegen vier in Russland wegen Spionage Inhaftierte ausgetauscht. "Das ist ein Beleg für die prinzipiell neuen Beziehungen zwischen Russland und den USA", kommentierte der Duma-Abgeordnete und Exchef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolai Kowaljow, in der Tageszeitung kommersant.ru die Aktion. Es sei eine Lösung gefunden worden, bei der beide Seiten ihr Gesicht gewahrt hätten.
Einer der aus Russland in den Westen ausgeflogenen russischen Staatsbürger ist der Wissenschaftler Igor Sutjagin. Anfang der Woche hatten ihm Regierungsbeamte in seinem Haftort in Archangelsk erklärt, seine Freilassung stehe unmittelbar bevor. Diese solle im Tausch mit in den USA festgenommenen russischen Spionen erfolgen. Er müsste lediglich ein Papier unterzeichnen, in dem er unter anderem auch seine Schuld eingestehe und sich zur Ausreise in ein westliches Land bereit erkläre. Andernfalls mache er sich mitverantwortlich für langjährige Haftzeiten von mehr als einem Dutzend Personen.
Inzwischen haben Sutjagin und die drei ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter, Alexander Zaporoschski, Sergei Skripal und Gennadi Wasilenko, Wien mit unbekanntem Ziel verlassen. Doch bei Igor Sutjagin hält sich die Freude in Grenzen. Er sei, so sein Bruder Dmitri Sutjagin auf einer Pressekonferenz, sehr depressiv angesichts der Begleitumstände seiner Freilassung. "So eine Freiheit brauche ich nicht", soll er zu seiner Mutter gesagt haben, berichtet die Nowaja Gaseta. Der Wissenschaftler hatte stets betont, niemals Staatsgeheimnisse verraten zu haben.
Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte die Umstände des Tauschs. "Wenn Igor diesem Handel nur unter Druck zugestimmt hat," so eine Sprecherin, "handelt es sich um eine Ausweisung unter Zwang." Außerdem sei Sutjagin die Möglichkeit genommen, auf dem Rechtsweg für eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu kämpfen.
Beobachter rätseln, warum nur vier Personen aus Russland ausflogen wurden. Beamte hatten Igor Sutjagin noch eine Liste von zehn Inhaftierten gezeigt, die mit ihm außer Landes gebracht werden sollten.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!