Ärzte gegen Kasse: Streit über Kinderpatienten

In Bayern verschärft sich die Auseinandersetzung zwischen Ärzten und AOK um Kinder und Jugendliche. Krankenkasse will die Versorgung junger Patienten den Hausärzten anvertrauen.

Besuche bei Fachärzten führen meist zu höheren Kosten als die bei Hausärzten. Bild: dpa

BERLIN taz Tausende Kinder und Jugendliche in Bayern drohen zum Opfer von Streitereien zwischen Ärzten und Krankenkassen zu werden. Die Ursache ist ein Streit zwischen dem dortigen Hausärzteverband und der AOK. Beide Seiten beschuldigen einander, die Versorgung der jungen Patienten zu gefährden.

Die Ursache klingt bürokratisch, könnte aber weitreichende Folgen haben - auch für die Situation in anderen Bundesländern. Anfang April dieses Jahres soll ein Vertrag zwischen der AOK Bayern und dem dortigen Hausarztverband in Kraft treten. Darin sichert die mächtige Kasse mit ihren mehr als vier Millionen Versicherten den Verbandsmitgliedern höhere Honorare zu. Diese höheren Entgelte sollen die Ärzte aber nur für Patienten erhalten, die zuvor schriftlich zugesagt haben, künftig zuerst zum Hausarzt zu gehen statt zum Facharzt. Dieser sogenannte Hausarztvertrag hat laut Bundesgesundheitsministerium das Ziel, die Allgemeinärzte zu Lotsen durch das Gesundheitssystem zu machen.

Dahinter stecken aber noch weitere Motive. Zum einen erhofft sich das Ministerium, dass die Kosten im Gesundheitssystem sinken. Denn Besuche bei Fachärzten führen meist zu höheren Kosten als die bei Hausärzten. Zum anderen sollen so die großen Einkommensunterschiede zwischen Haus- und Fachärzten schwinden. Außerdem will das Ministerium die Macht der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) brechen. Die hatten bis zur jüngsten Gesundheitsreform das Monopol auf den Abschluss von Versorgungsverträgen mit den Kassen. Verträge wie jener der AOK mit dem Bayerischen Hausärzteverband sollen diese Machtstellung knacken. Dieser Verband könne die Fachärzte benachteiligen, fürchten deren Verbandsfunktionäre - nicht nur in Bayern.

Dort jedoch tobt der Streit ums Geld derzeit besonders heftig. "Der Bayerische Hausärzteverband nutzt seine Verhandlungsposition mit der AOK Bayern bereits jetzt schamlos aus, um Patienten gegen ihren Willen von uns Kinder- und Jugendärzten abzuziehen. Das ist ein Skandal", schimpft Heinz Reiniger, der Chef des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Bayern. Die Behandlung der jungen Patienten sei bei den Spezialisten besser aufgehoben. Trotzdem würden AOK-Patienten "erpresst, sich einschreiben zu lassen", klagt Reiniger.

Tatsächlich gibt es ein Schreiben des Bayerischen Hausärzteverbands, das diesen Verdacht nahe legt. Im Namen des jeweiligen Hausarztes werden darin AOK-Versicherte aufgefordert: "Wenn Sie im Falle Ihrer Erkrankung oder der Erkrankung Ihres Kindes weiterhin in unserer Praxis hausärztlich behandelt und betreut werden möchten, bitten wir Sie, das beiliegende Einschreibeformular für Sie und für jedes Kind einzeln zu unterschreiben." Falls die Nachkommen sich "bisher sowohl bei einem Kinderarzt als auch in unserer Praxis in Behandlung befinden, müssen Sie sich jetzt entscheiden".

Der AOK-Bundesverband verweist bei diesem Thema auf seinen bayerischen Landesverband. In einem Rundbrief an seine Verbandsmitglieder erklärte der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, Wolfgang Hoppenthaller, bereits Mitte Januar: "Wenn sich ein Patient nicht in den AOK-Hausarztvertrag einschreibt, obwohl ihm daraus nur Vorteile erwachsen, bringt er damit zum Ausdruck, dass er mehrere Hausärzte gleichzeitig aufsucht."

Der bayerische Streit wird weitergehen. Weil sie fürchten, durch die neue Berechnung der Honorare seit Jahresbeginn Einnahmen zu verlieren, haben Haut- und Frauenärzte gedroht, sie würden Kassenpatienten nur noch gegen Privatrechnung behandeln.

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