AKW Krümmel: Vattenvall vertuscht Atomunfall
Der Brand war gravierender, als der Konzern bisher zugab.
Der Brand im Atomkraftwerk Krümmel hat schwerere Folgen, als der Betreiber Vattenfall bislang eingestanden hat: Die Expertenprüfung habe ergeben, dass auch das Reaktorgebäude selbst betroffen war, teilte das schleswig-holsteinische Sozialministerium mit. Durch den Ausfall einer Reaktorspeisewasserpumpe und durch das unplanmäßige Öffnen von zwei Sicherheitsventilen seien der Druck und der Füllstand im Reaktor-Behälter gesunken. Auf gut Deutsch heißt das, dass die Schnellabschaltung nicht wie notwendig funktionierte.
Im Zentrum jedes Siedewasser-Reaktors steht ein wassergefüllter Druckbehälter. In diesem heizen zahlreiche Uran-Brennstäbe mittels Kernspaltung das Wasser auf, das sie umgibt und kühlt. Der Regelbetrieb läuft bei einer Temperatur von 286 Grad Celsius, die Brennelemente müssen zu jedem Zeitpunkt vom Wasser bedeckt bleiben.
Bei der jetzt bekannt gewordenen Kette von Ereignissen in Krümmel kam es nach Angaben des Kieler Sozialministeriums durch den Trafo-Brand am Donnerstag zuerst zu einer automatischen Reaktorschnellabschaltung. Im Zuge dieser Abschaltung fiel eine von mehreren Wasserpumpen "unplanmäßig" aus. Ebenfalls "unplanmäßig" seien darüber hinaus zwei Sicherheits- und Entlastungsventile geöffnet worden. Dadurch seien der Druck und der Füllstand des Kühlwassers im Reaktordruckbehälter binnen kurzer Zeit abgefallen. Nach derzeitigen Erkenntnissen der Atomaufsicht sei der Wasserstand aber nicht so tief gesunken, dass die Brennelemente nicht mehr bedeckt gewesen wären. Ungekühlte Brennelemente lösen die Kernschmelze aus.
Selbst der atomfreundlichen CDU platzt jetzt die Hutschnur: Der CDU-Energieexperte im Kieler Landtag, Manfred Ritzek, fordert, dass geklärt werden muss, weshalb Vattenfall die Vorgänge nicht von sich aus transparent mitteilte. Vattenfall-Sprecher Ivo Banek sagte, das Unternehmen sei davon ausgegangen, "dass der Vorfall keine Bedeutung für die Öffentlichkeit hatte".
Die Grünen sprechen von "erneuter Fehlinformation des Energiekonzerns Vattenfall". Das Unternehmen habe die Öffentlichkeit und anscheinend auch das zuständige Kieler Sozialministerium falsch unterrichtet. Die umweltpolitische Sprecherin Sylvia Kotting-Uhl kündigte an: "Wir werden im Bundestag nun eine Initiative starten, um zu klären, ob Vattenfall noch die Voraussetzungen bietet, um die Hochrisikotechnologie AKW zu betreiben". (mit dpa)
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert