60 Jahre VR China: Mensch Mao

Zum 60. Geburtstag der Volksrepublik schenkt China seinen Untertanen einen Jubelfilm. Er ist Teil des gigantischen Aufgebots für den "Weg der Auferstehung", den das Land gerade feiert.

Teilnehmer einer Parade zum 60. Jubiläum halten ein Mao-Bildnis hoch. Bild: reuters

Ein Kichern geht durch die Reihen des "Megabox"-Kinos: Hongkongs Actionstar Jackie spielt eine ungewohnte Rolle. Als Journalist mit runder Brille, Schnurrbart und Mittelscheitel interviewt er einen phrasendreschenden Politiker. Nur wenige Sekunden erscheint er auf der Leinwand.

Er ist einer von mehr als 170 bekannten chinesischen Schauspielern und Regisseuren, die in diesem Film mitwirken, der unter dem Titel "Gründung der Republik" derzeit in fast allen Kinos Chinas läuft.

"Ich wäre nie freiwillig in einen patriotischen Erziehungsfilm gegangen", sagt die 27-jährige Angestellte Li Wen. "Aber diesmal war ich wirklich neugierig auf die vielen Stars. Ich habe die ganze Zeit gedacht: Ist das nicht der …? Ist das nicht die …?"

Sie hat mitgezählt, wie viele Prominente sie erkannt hat. Kung-Fu-Star Jet Li taucht zum Beispiel kurz als Admiral auf. Auf die chinesische Hollywood-Diva Zhang Ziyi muss sie allerdings lange warten: Zhang kommt erst am Ende in einer kurzen Szene vor, um sich als kommunistische Frauenfunktionärin Gedanken über die passende Staatsflagge für das neue China zu machen.

Der 132-minütige Film handelt von Kampf und Intrigen in der Zeit des chinesischen Bürgerkriegs nach der Niederlage Japans 1945. Die kommunistische Rebellenarmee Mao Tse-tungs besiegt schließlich die nationalistischen Truppen unter Tschiang Kai-schek. Am Ende wird am 1. Oktober 1949 in Peking die Volksrepublik ausgerufen. Maos Gegenspieler muss sich geschlagen auf die Insel Taiwan zurückziehen.

Als "Geburtstagsgeschenk an das Vaterland" bezeichnet Regisseur Han Sanping, zugleich Chef des staatlichen Konzerns "China Film Group", sein Werk. 1.450 Kopien sind in diesen Tagen in die Kinos des Landes geliefert worden. Die meisten Schauspieler, sagt er, hätten auf die Gage verzichtet und nur der Ehre wegen mitgemacht.

Der Film ist Teil einer bemerkenswerten Inszenierung, mit der die KP das Staatsjubiläum feiert - und ihr eigenes Überleben an der Macht: Seit Wochen schon proben 200.000 Soldaten und Zivilisten für eine Parade im Herzen von Peking am 1. Oktober. In den Museen der Hauptstadt informieren Ausstellungen zu Themen wie "60 Jahre Kunst", "60 Jahre Nationalitätenpolitik", "Glorreiche 60 Jahre" und "Chinas Weg der Auferstehung" die Chinesen darüber, wie viel sie der Kommunistischen Partei zu verdanken haben.

Während draußen im "Sanlitun Village" die Pekinger zwischen Starbucks-Café, Apple-Computerladen und Adidas-Shop schlendern, flimmert vor Beginn des patriotischen Epos zunächst Werbung - unter anderem für eine deutsche Automarke, die mit "Vorsprung durch Technik" wirbt, sowie für Versicherungen, Schnaps und Handys. Das Vergnügen ist nicht billig: Eine Karte kostet 8 Euro.

Mao Tse-tung erscheint, von einem überraschend ähnlich aussehenden Darsteller gespielt, kettenrauchend, jovial und stets perfekt frisiert. Seine Kampfgenossen sind gute Menschen - arm, aber entschlossen und zuversichtlich. Die herrschende Nationalregierung hingegen ist durch innere Querelen und Korruption geschwächt. Ihr Führer Tschiang Kai-schek wirkt nicht unsympathisch, aber Mao ist eindeutig die Lichtgestalt: Er, der große Heerführer, trauert um seinen treuen Koch, der bei einem Bombenangriff ums Leben kommt. Später spielt er auf einer Wiese mit seinen Kindern.

Das Kino ist an diesem Sonntagabend halb voll, die Zuschauer reagieren freundlich: Dank der Kameraführung, die mal an die traditionellen TV-Serien über Chinas Armeehelden erinnert und dann wieder an virtuelle Lebenswelten im Internet, fühlen sie sich heimisch. Geigenklänge schwellen gnadenlos auf und ab, die Schlachten sind seltsamerweise mit heiteren Weisen unterlegt. Der Film präsentiert Geschichte von oben: Die Millionen Opfer des Bürgerkriegs, das Leid, das hinter dem Sieg steht, die zerrissenen Familien werden ausgeblendet, Thema ist das große Versprechen von einer gerechteren und besseren Zukunft.

Das ist auf die Dauer ermüdend, doch es gibt Szenen, wie man sie in China noch nie sah: Als sich Mao und seine Mitstreiter endlich dem Sieg nahe wähnen, betrinken sie sich und lallen glücklich die Internationale. Mao lehnt besäuselt lächelnd an der Wand. "Richtig menschlich!", findet Zuschauerin Li Wen.

Fast subversiv hingegen wirkt der Augenblick, als die Kommunisten über Korruption und Einparteiendiktatur der damaligen nationalistischen Regierung klagen und versprechen, nach ihrem Sieg eine wahre Demokratie einzuführen.

Auch das ist ungewöhnlich: Ausführlich werden die Bemühungen der Kommunisten gezeigt, Vertreter der Demokratischen Liga zu überreden, gemeinsam das neue China aufzubauen. Am Ende gelingt es Mao, viele liberale Intellektuelle und Geschäftsleute ebenso wie unzufriedene Armeeführer, die von der Korruption und brutalen Herrschaft der nationalistischen Regierung abgestoßen sind, auf seine Seite zu ziehen.

Als die Abgeordneten der Kommunisten und der Demokratischen Liga zum ersten Mal in der "Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes" zusammentreten, um - unter anderem - über die künftige Nationalhymne und die Staatsflagge zu entscheiden, zeigt sich Mao als gutmütiger und humorvoller Politiker, der alle andere anhört und sich zuletzt sogar umstimmen lässt.

Eine derart freundliche Darstellung Maos kommt bei vielen Zuschauern wie der Angestellten Li Wen gut an. Sie ist nach seinem Tod 1976 aufgewachsen, in ihren Schulbüchern stand nichts darüber, dass Mao nur wenige Jahre nach seinem Sieg Kritiker rachsüchtig aus dem Wege räumte. Viele Angehörige der ursprünglich umworbenen Demokratischen Liga wurden in Lager verbannt, in den Selbstmord getrieben oder umgebracht. Politische Rivalen in der KP wie der ehemalige Staatspräsident Liu Shaoqi starben später elend in Haft.

So ist es kein Wunder, dass diese Version der Geschichte für alte Genossen, die sich noch an die mörderischen Kampagnen gegen "Rechtsabweichler" und "Konterrevolutionäre" in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erinnern, schwer zu ertragen ist.

Im Internet kursiert ein zorniger Kommentar von Maos ehemaligem Sekretär Li Rui über die "Verzerrungen" in dem Film. Da werde Schwarz in Weiß verkehrt, sagte der 92-jährige Li. Er frage sich, wie viele der hunderte Delegierten, die sich bei dieser ersten Konferenz versammelt hatten, "einen normalen Tod gestorben sind".

Einer der populärsten und geistreichsten Onlinekommentatoren Chinas, der Schanghaier Rennfahrer und Autor Han Han, entdeckt Ironie in diesen Szenen: Der Film, schreibt er in seinem Blog, könne ein "wahrhaft herausragendes Werk" sein, wenn er nicht 1949, sondern ein paar Jahrzehnte später enden würde. 1949 hätten "ehrliche Chinesen ihre Hoffnungen in einen ehrlichen Mao und ein ehrliches neues China" gesetzt. Heute besäßen die ärmsten Chinesen zwar immer noch keinen Quadratmeter Land, die Gesellschaft sei aber einfacher geworden. Sie kenne mittlerweile "nur noch vier Klassen": erstens die Armen, zweitens die verschuldeten Wohnungs- und Hausbesitzer, drittens die Reichen, viertens die Vermögenden".

In dem Geburtstagsfilm "Gründung der Republik" verhalte sich Maos KP gegenüber der chinesischen Bevölkerung ganz wie die meisten Ehemänner. Vor der Hochzeit "lassen sie sich allerlei nette Tricks und schöne Worte einfallen, um das Herz ihrer Frau zu erobern", so Han Han. Wenn sie das geschafft haben, vergessen sie schnell all ihre Versprechungen.

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