33. Evangelischer Kirchentag: Antiintellektuelle suchen "Kuschelgott"

"Ich bemühe mich, polemisch zu sein", sagt der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Vor dem 33. Evangelischen Kirchentag wirft er den Kirchen Verkindlichung und Verfilzung vor.

Das Dresdner Elbufer im Zeichen des Kreuzes. Bild: dapd

taz: Herr Graf, gibt es Schöneres, als "Herr Professor Dr. Besserwisser" genannt zu werden?

Friedrich Wilhelm Graf: Ja, aber Titulierungen wie diese muss man sportlich nehmen.

Auch wenn diese Spitze aus einem Artikel Petra Bahrs stammt, der Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland?

Petra Bahr hat schon einmal stärkere Texte geschrieben.

Dennoch: Hat Sie deren Anwurf verletzt?

Nein. Wer austeilt, muss auch einstecken können, das gehört zu den Spielen der Kultur und auch der Kirchenpolitik.

FRIEDRICH WILHELM GRAF, evangelischer Theologe; geboren 1948, Studium der Theologie, Philosophie und Geschichte; Promotion 1978; Habilitation 1986 in Systematischer Theologie; seit 1999 Ordinarius für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München.

1999 erhielt Graf als erster Theologe den Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Jüngstes Buch: "Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen", München 2011.

Die möglicherweise nächste Bischöfin Hamburgs schrieb: "Graf findet die verfasste Kirche zum K…" Wir fragen: Hat Sie denn Recht?

Überhaupt nicht. Ich beschreibe ja eher Fehlentwicklungen und weise zugleich auf bestimmte positive Dinge hin.

Die Wortwahl Bahrs ist erstaunlich, nicht wahr?

Fand ich auch.

Zeigt die Wortwahl nicht auch Verwundungen in der Führung der Evangelischen Kirche, wenn man einen solchen Ton anschlägt?

Vor allem zeigt es die Verunsicherung, die herrscht. Niemand kann die Krisenphänomene der Kirche wegdiskutieren. Es ist dann immer leichter, den Kritiker anzugreifen, als sich mit Inhalten auseinanderzusetzen.

Ihre jüngst veröffentlichte Streitschrift "Kirchendämmerung" könne man, so Petra Bahr, so zusammenfassen: "Die evangelische Kirche schafft sich selber ab." Ist das tatsächlich Ihr Befund?

Die evangelische Kirche hat offenkundig erhebliche Probleme, traditionelle protestantische Milieus wahrzunehmen. Sie tut sich sehr schwer damit, auf bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Und sie hat sich einen Reformprozess verordnet, der zum Teil mit illusorischen Zielen operiert.

Welche Illusionen haben Sie im Blick

Die Formel des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber, "Wachsen gegen den Trend", ist eine der Illusionen, die ich meine.

Sonst beschreiben Sie ja Bischof Huber, ähnlich wie bei Kardinal Lehmann für seine katholische Kirche, als einen der wenigen, die die gute Tradition Ihrer Kirche, des Protestantismus, verkörperten.

Genau, wir erleben leider bei den kirchlichen Funktionseliten so etwas wie Prozesse der Entintellektualisierung, der Entakademisierung. Es gibt nur noch sehr wenige führende Geistliche beider Kirchen, die überhaupt argumentativ auf bestimmte Probleme reagieren können.

Schon vor Jahren haben Sie der evangelischen Kirche "einen fatalen Hang zum Antiintellektualismus" attestiert. Nennen Sie uns ein Beispiel?

Bei jungen Pfarrerinnen und Pfarrern finden Sie in aller Regel eher einen emotionsbetonten Umgang mit religiösen Texten. Es gibt leider den Pfarrertypus, der sagt: Mit dem Ende des Studiums brauche ich keine Bücher mehr anzuschauen. Und mancher Pfarrer ist stolz darauf, dass er keine überregional verbreitete Tageszeitung liest.

Woher rührt der von Ihnen gesehene Antiintellektualismus?

Wir hatten in den Kirchen in den späten sechziger, dann in den siebziger und achtziger Jahren diese Politisierungswellen, Stichwort: Friedensbewegung, frühe Ökologiebewegung. Und wir haben dann in den späten achtziger und in den neunziger Jahren einen eigentümlichen Einzug von Esoterikreligion oder Kuschelfrömmigkeit.

Und Sie kritisieren eine Neigung der zeitgenössischen Kirche und ihrer Mitglieder, nur noch einem "Kuschelgott" zu huldigen.

In der Tat, der hat fröhlich Einzug gehalten. In der akademischen Theologie haben sich massive Spezialisierungstendenzen durchgesetzt. Es lässt sich auch im Studium beobachten, dass viele auf eine entschieden rationale, intellektuell anspruchsvolle Theologie eher mit Abwehrgestus reagieren.

Sie sprechen gar von der Infantilisierung des Christlichen - ist das nicht ein wenig schroff?

Infantilisierung bezieht sich darauf, dass man sich durch einen gewissen Sprachstil mancher Pfarrer nicht richtig ernst genommen fühlt, ja, dass man sich ein Stück weit entmündigt fühlt.

Sie monieren die Bildungsferne vieler Ihrer Studentinnen und Studenten. Fehlt es denen eventuell auch an Sprachgewalt?

Zum Teil haben wir faszinierende junge Studierende, die sprachlich extrem gut sind, die mit dem Abitur auch schon auf eine bemerkenswerte internationale Biografie zurückblicken können. Und dann gibt es andere, die sich mit Sprache sehr, sehr schwer tun. Manche Studierende haben erhebliche Probleme, eine Seminararbeit zu verfassen.

Sie beklagen obendrein die "Feminisierung" des Protestantismus. Sie sind kein verkappter Frauenfeind, oder?

Im Gegenteil. Ich bemühe mich gezielt um Frauenförderung. Übrigens: Hauptfachstudierende in der evangelischen Theologie sind inzwischen mehrheitlich weiblich. Wir haben Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen, wo die Vikarinnen und Pfarrerinnen es auf einen Anteil von etwa 60 Prozent bringen.

Ist das nicht positiv?

Sogar wunderbar. Dem entspricht aber keine angemessene Repräsentanz von Frauen in Leitungsfunktionen der Kirche. Seit dem Rücktritt von Frau Käßmann und Frau Jepsen haben wir nur noch eine Landesbischöfin.

Woran liegt denn der geringe Frauenanteil?

Kurz: Dass die Kirchen sehr stark verfilzte Organisationen mit stark versteinerten Strukturen sind. Da gibt es durchaus Netzwerke.

Kirchens bräuchte eine Quote?

Meiner Wahrnehmung nach helfen Quoten klugen Frauen nicht. Das Problem ist, dass wir leider viele kluge Frauen wie Männer verlieren. Kirche wird von ihnen nicht mehr als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen.

Etliche meinen: Mehr Frauen in der Kirche bedeutet auch eine menschlichere Kirche.

Mehr Menschlichkeit ist immer schön. Aber ich sehe nicht, dass die Frau als solche ein Mehr an Humanität repräsentiert.

Anders herum: Menschelt die Kirche heute nicht viel zu stark? Braucht sie wieder den fordernden, strengen Gott?

Leider hat sich eine Kultur der Distanzlosigkeit breit gemacht hat. Das macht auch den Umgang mit Konflikten nicht leichter.

Die Führungsstrategien etwa von Margot Käßmann liefen Ihnen offenbar ziemlich zuwider, weil sie gerade dieses Emotionale und Persönliche immer sehr bedient hat.

Margot Käßmann ist ein religionskulturelles Phänomen von hoher Faszinationskraft. Man muss erklären, warum sie für so viele Deutsche und vor allem viele Frauen in Deutschland gleichsam eine Art Ikone geworden ist.

Bitte sehr!

Sie ist ein Mensch, in dessen Problemen andere sich wiederfinden können. Sie hat sehr viel von sich selbst gesprochen. Von ihren Lebenskrisen, von ihren Zweifeln, von ihren Ängsten, von ihrem Versagen ihren Töchtern gegenüber.

Und vom Scheitern ihrer Ehe.

Tatsache ist, dass man erklären muss, warum ihre Bücher gleichsam selbstverständlich auf der Bestsellerliste landen. Ich bewundere, wie sie die Menschen anspricht.

Aber?

Mir war es dann oft des Authentischen zu viel. Ich hätte mir an manchen Punkten etwas mehr an Nachdenklichkeit und auch an theologischem Gehalt gewünscht.

Sie war ja ein paar Monate in den USA und hat flugs ein Buch über diese Zeit geschrieben.

Wer einmal das Bestsellerschreiben angefangen hat, gerät unter Erwartungsdruck. Der Weg, ins Ausland zu gehen, war gewiss für eine Zeit der Reflektion der richtige. Warum sie dann gleich dieses Buch geschrieben hat? Ich finde nicht, dass man hier sehr viel lesen kann, um die USA besser zu verstehen.

Sie haben Käßmann nach ihrem Rücktritt Narzissmus vorgeworfen.

Zu dieser Kritik stehe ich.

Damit macht man sich aber Feinde.

Ich bemühe mich, polemisch zu sein. Aber zugleich fair in dieser Polemik zu bleiben.

Auch mit dem Satz "Der Markt hat seine eigene ethische Dignität" provozieren Sie in evangelischen Kreisen. Fehlte nur noch, dass Sie sich für die Atomkraft aussprechen.

Beim Thema Atomkraft machen wir es uns zurzeit eine Spur zu leicht. Dass wir derzeit Atomstrom produzieren und importieren, ist keine ethisch überzeugende Position. Es gibt zuweilen die sehr deutsche Neigung zu moralischen Superioritätsgesten - und das passt mir am Stil der Ausstiegsdebatte nicht. Wollen Sie nun einen flammenden Appell gegen die Atomkraft hören?

Wie dem auch sei: Immerhin gibt es ja einen evangelischen Vertreter in der Ethikkommission zur Energiewende. Die Frage ist nur, was der da verloren hat.

Für den hastig beschlossenen Ausstieg braucht man Legitimität. Die Kommission ist da ein Legitimitätsbeschaffungsorgan. Da sind eben die Kirchen dabei. Sie sind überhaupt immer gern dabei.

Der Protestantismus habe es mit der Politisierung übertrieben, sagen Sie - steckt noch zu viel von den siebziger, achtziger Jahren in der Evangelischen Kirche?

Es steckt in der Evangelischen Kirche jedenfalls die Neigung, sich zu allem und jedem zu Wort zu melden. Das ist nicht klug. Moralisieren ist leider ein relativ anspruchsloses Unternehmen. Es gibt zu viel an Moralkommunikation in unserer Kirche und zu wenig an religiöser Kommunikation.

Wer austeilt, muss auch einstecken können, haben Sie anfänglich gesagt. Gibt es ein Bibelwort, das Ihnen bei dieser Haltung hilft?

Man könnte ja mit Matthäus sagen: Wer nach dem Schwert greift, kommt durch das Schwert um. Aber das entscheidende Bibelwort ist schon das mit der Freiheit. Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit, wie Paulus sagt.

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