20 Jahre Videospielheld Sonic: Ein Leben auf der Überholspur

Seit 20 Jahren rennt Segas Igel Sonic mit Nintendos Klempner Mario um die Wette. Sonics große Zeit ist vorbei, doch die Fans bleiben ihm treu.

Sonic the Hedgehog, sonst viel in Bewegung, kann auch mal stehen. Bild: sonic

Große Helden erscheinen auf den ersten Blick manchmal ganz klein. Nicht immer besitzen sie strahlende Rüstungen oder schwingen Reden auf großen Bühnen. Zumindest nicht in der Welt der Videospiele. Hier sind die weltweit beliebtesten Charaktere unscheinbare Gestalten, die aber Großes leisten.

Mal ist es ein Klempner, der eine Prinzessin befreit. Mal ein Igel, der in Schallgeschwindigkeit durch seine Welt rennend die selbige rettet. So wie Sonic the Hedgehog, einer der beliebtesten Spielehelden der Welt. Als echter Star zierte er Fanartikel wie Bettwäsche, Kalender und Energy-Drink-Dosen. Über 60 virtuelle Abenteuer hat Sonic bereits erlebt. Und nebenbei in Comics und Zeichentrickserien mitgespielt. Am Donnerstag wird er 20 Jahre alt.

Sonic von Spielehersteller Sega ist das Pendant zu Nintendos Klempner Mario: ein Spieleserienheld, ein Firmenmaskottchen, eine Werbeikone. Lange Zeit haben die beiden Unternehmen ihre Helden in einen harten Konkurrenzkampf um die Gunst des Kunden geschickt. Nach Sonics Glanzzeiten in der ersten Hälfte der 90er Jahre stand er jahrelang im Schatten des Rivalen Mario: gut gelaunter Liebling der Massen contra cooler Underdog.

Größte Gemeinsamkeit: Beide haben euphorische Fans. Wie Tanja Pattberg aus dem Sega-Club, die Sonic seit ihrem Erstkontakt im Jahr 1992 die Treue hält. Die 32-Jährige besitzt eine riesige Sonic-Sammlung inklusive passend designtem Auto. Für sie ist ihr Sonic vor allem eins: "die personifizierte Freundschaft. Er ist immer fröhlich, nett und hilfsbereit."

Das ist Rivale Mario auch. Der bietet sogar ausgefeilteres Spieldesign, aber nicht die Geschichten, die die Fans so an den Igelabenteuern lieben. "Die Geschichten bauen alle aufeinander auf und sind teilweise richtig tiefgreifend. Es passt einfach alles zusammen", sagt Pattberg. Inzwischen sind Handwerker und Igel Freunde geworden. Seit Sega keine Konsolen mehr herstellt, treten beide Ikonen sogar gemeinsam in Spielen auf.

Sonics Hauptmerkmal: seine Geschwindigkeit. Er saust durch die Levels, überwindet Hindernisse, vollführt Sprünge und Loopings. Immer auf der Suche nach goldenen Ringen, von denen er möglichst viele einsammeln muss. Auch Kämpfen gehört zu seinen Aufgaben, schließlich muss er ständig die Welt vor der Herrschaft des verrückten Wissenschaftlers Dr. Eggman retten.

Das klingt simpel in Zeiten von komplexen Rollenspielen, in denen jede Entscheidung des Spielers die virtuelle Welt verändert und manchmal nur die Lösung komplexer Rätsel zum Ziel führt. Trotzdem kommt das Spielprinzip auch nach 20 Jahren noch gut an, die Abenteuer des Igels verkauften sich insgesamt 70 Millionen Mal. "Das liegt an seinem Stil und am Aussehen", erklärt Yuji Naka, Erfinder der Sonic-Spiele, das Erfolgsrezept. "Die Leute finden, er ist cool."

Früher wild, dann amerikanisch

Das Wort "cool" fällt andauernd, wenn Fans die Spielfigur beschreiben. Doch Sonic war nicht immer so glatt, gefällig und cool. Er war anfangs sogar ein richtig Wilder, hatte Fangzähne, eine menschliche Freundin und eine Band. Das wurde zum Groll der japanischen Entwickler geändert. Damit Sonic auch bei den Amerikanern gut ankommt. Schließlich sollte er den übermächtigen Konkurrenten Nintendo überholen. "Damals hasste ich die amerikanischen Änderungen der Optik", sagt Entwickler Naka. "Ich wusste nicht, wie das Publikum sie aufnehmen würde. Heute weiß ich, dass sie der Grund für den Erfolg waren."

Als Nintendo mit 90 Prozent Marktanteil nahezu allein den Spielekonsolenmarkt beherrschte, beschloss Sega, ein neues Maskottchen in den Konkurrenzkampf zu schicken. Das Ergebnis eines firmeninternen Wettbewerbs sollte den bisherigen Star, Affe Alex Kidd, ablösen. Sieger aus rund 200 eingereichten Zeichnungen war ein Igel namens Mr Needlemouse. Natürlich in Sega-Blau. Noch schnell den Namen geändert, das Design der Schuhe von Michael Jackson abgeschaut und deren Farbe von Santa Claus übernommen und schon war der Held fertig, der zeigen sollte, wie schnell die Konsole Mega Drive war. Sein erstes Abenteuer "Sonic the Hedgehog" erschien am 23. Juni 1991.

Obwohl die Zielgruppe in den USA zunächst größtenteils nicht wusste, was ein Igel ist, ging der Plan auf. In den USA raste Sega mit Sonics Hilfe innerhalb kurze Zeit vorbei an Konkurrent Nintendo. Vor allem durch die Entscheidung, das Igelspiel im Handel der Mega-Drive-Konsole beizulegen. Eine große Werbekampagne mit TV-Spots und ausgefallene Aktionen taten ein Übriges. Zum Erscheinen des zweiten Teils wurde der Feiertag "Sonic 2sday" mit Sonderverkäufen eingeführt. Wie heute bei Apple-Neuerscheinungen haben Hardcore-Fans mit Gleichgesinnten vor den Geschäften angestanden, um sich ein Spiel zu sichern. Davon schwärmen sie noch heute. Allein in den ersten fünf Tagen wurden eine halbe Million Exemplare des zweiten Teils verkauft. Eine Sensation Anfang der 90er Jahre.

Von 2-D zu 3-D

"Sonic war für mich wie ein geliebter Sohn, auf den ich sehr stolz war", sagt Entwickler Naka. Es schien, als sei Sonic nicht zu bremsen. Große Unternehmen wollten am Erfolg des Igels teilhaben und druckten sein Abbild auf Happy Meals, Nudelkonserven und andere Konsumgüter. Der Videospielheld war eine Werbeikone und trat als Star der großen Macys Thanksgiving-Parade auf. Mit jedem neuen Teil erweiterte sich die Geschichte um Sonic und neue Figuren wurden eingeführt.

Die sind Fan Pattberg in ihren 19 Jahren als Sonic-Fan ans Herz gewachsen: "Jeder Charakter füllt eine Lücke in der Spielwelt. Alle sind ausgeprägte Persönlichkeiten und haben typische Verhaltensmuster, nach denen sie auf bestimmte Situationen reagieren." Bis auf marginale Änderungen wie der Wechsel von 2-D zu 3-D und einen kleinen Abstecher ins Rollenspielgenre haben sich Spielwelt und Figuren bis heute fast nicht verändert. Springen und rennen - diese zwei Bewegungsmuster gaben dem Genre, das Sonic und Mario groß machten, seinen Namen: Jump'n'Run.

Doch Sonics Durchmarsch stagnierte Mitte der 90er Jahre nach Sonys erfolgreicher Einführung der PlayStation. Die Karten im Spielemarkt wurden neu gemischt, Segas Marktanteile sanken. Mit einem Relaunch auf der Konsole Dreamcast gelang Sonic 1999 ein kurzes Comeback. Seitdem Sega vor 10 Jahren die Konsolenproduktion eingestellt hat, rennt Sonic über alle erdenklichen Plattformen verschiedener Hersteller. Den unglaublichen Erfolg seiner ruhmreichen Anfangstage als Werbeikone und Topverkäufer für Spiele genießt er zwar nicht mehr, Kult ist Sonic trotzdem noch.

Jedes Jahr feiern Fans ihre Ikone auf dem Event "Summer of Sonic" mit Malwettbewerben, Autogrammstunden von Spieleentwicklern und Musik aus den Spielen. Zum Jubiläum erscheint Ende 2011 das Spiel "Sonic Generations", in dem der erste Teil auf aktuelle Sonic-Elemente trifft. Fans warten sehnsüchtig darauf, diskutieren schon jetzt in Foren darüber. In den USA boomt das Geschäft mit Fanartikeln vom Ohrenschützer bis zum Schachspiel. Sonic war sogar Namensgeber für das von der Wissenschaft entdeckte Protein "Sonic Hedgehog".

Tanja Pattberg wünscht ihrem virtuellen Helden noch eine lange erfolgreiche Karriere. Dass Sonic in Deutschland als Kinderkram abgetan wird und die Fans als kindisch gelten, trübt ihr Fanglück ein wenig. Trotzdem findet die 32-Jährige: "Sonic hält jung."

Also dann: Herzlichen Glückwunsch, kleiner Igel!

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