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Diskussion über DDR-Erinnerung Selbstbestimmte Geschichte

Bücher aus ostdeutscher Perspektive stürmen die Bestsellerlisten. Was ist da los? Brauchen wir eine andere Geschichtsschreibung? Wir diskutieren darüber – auch auf dem taz-Kongress am 27. April 2024.

Ein Café, Heißgetränke und ein munteres Gespräch – so groß ist der Unterschied zwischen der DDR 1985 und der BRD 2024 doch gar nicht, oder doch? imago stock&people

taz lab | Eine Hochzeit an der Ostküste der USA im Sommer 2023: Ein britischer Universitätsdozent fragt mich, ob ich das Buch von Katja Hoyer über die Geschichte der DDR gelesen habe.

Ich hatte davon gehört, auch von der Kontroverse um das Buch, es aber noch nicht gelesen. Vielleicht würde es mir etwas Neues über die DDR verraten? Der britische Dozent jedenfalls erklärte mir, es habe den Briten unbekannte Perspektiven auf die DDR eröffnet.

Auch die Verkaufszahlen in Großbritannien sprechen für diese Deutung, das Buch war ein Bestseller. Gleiches gilt für Deutschland, wochenlang befand sich das Buch „Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990“ auf der Spiegel-Bestsellerliste. Doch was macht es so erfolgreich?

Das Vorhaben Katja Hoyers wird im Titel des Buches klar, es geht um eine Neuschreibung der DDR-Geschichte, einen Per­spektivwechsel. Der Blick auf die DDR sei bis heute ein westdeutscher, hier schreibt nun also eine Ostdeutsche die Geschichte Ostdeutschlands, so das Versprechen.

Mehr als Mauer und Stasi

In der Verlagsankündigung heißt es, Hoyer zeige, „dass das andere Deutschland mehr war als Mauer und Stasi“. Hoyer selbst schreibt, es habe in der DDR zwar „Unterdrückung und Brutalität“ gegeben, aber auch „Chancen und Zugehörigkeit“. Wer genau hinschaue, sähe eine bunte Welt, keine schwarz-weiße.

Hoyer, geboren 1985 im brandenburgischen Guben, bemüht sich auch um eine Alltagsgeschichte der DDR. In dem Buch sollen Menschen berichten, die sich gerne an die Zeit hinter dem Eisernen Vorhang zurückerinnern. Egon Krenz, ehemaliger Staatsratsvorsitzender, und Schlagersänger Frank Schöbel kommen genauso zu Wort wie Hoyers Vater Frank, NVA-Soldat in Strausberg.

Kritik am SED-Regime fehlt

Hoyers Thesen und Herangehensweise stieß bei einigen Rezensenten auf Kritik. Der Historiker Marko Martin, geboren 1970 im sächsischen Burgstädt, ärgerte sich in der taz über das Buch. Ihm fehlt bei Hoyer die ausführliche Kritik am SED-Regime. Stasi und fehlende politische Grundrechte würden lediglich in „mechanischer Eilfertigkeit“ behandelt.

Und angeklagt würde nur ein nicht näher definierter Westen. Martin kommt selbst aus der DDR, verweigerte den Militärdienst und ging im Mai 1989 zum Studium nach Westberlin. Er schrieb Bücher über seine Reisen nach dem Fall der Mauer und politische Dissidenten in sozialistischen Regimen. In seinem Buch „Dissidentisches Denken“ setzt er einigen Oppositionellen im sowjetischen Totalitarismus ein Denkmal.

Totalitäre DDR oder schöne Erinnerung?

Die Lebenswege von Dissidentinnen und Dissidenten wie Raissa Orlowa-Kopelew oder Joseph Brodsky werden detailreich nachgezeichnet. Wie und warum wendeten sich die Menschen vom totalitären Sozialismus ab? Auch hier schreibt ein Ostdeutscher über seine Erfahrungen, der Schwerpunkt aber ist ein anderer.

Es treffen also unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Muss man den Fokus auf den totalitären Charakter der DDR legen? Und inwieweit haben dort dann schöne, alltägliche Erinnerungen Platz?

Wie werden ostdeutsche Alltagsgeschichten erzählt?

Bücher wie das von Katja Hoyer oder zuletzt Dirk Oschmanns „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ treffen anscheinend einen Nerv. Sie attestieren eine einseitige, westdeutsche Geschichtsschreibung. Sie werfen die Frage auf, wie und von wem bisher Alltagsgeschichte und Lebenswege von Ostdeutschen erzählt wurden. Bisher zu einseitig und nur von Westdeutschen, lautet der Vorwurf.

Wie wollen wir als Gesellschaft über die DDR sprechen und schreiben? Wie kann man den Lebensgeschichten gerecht werden, ohne dabei den totalitären Charakter des DDR-Regimes zu verharmlosen? Die Debatte darüber ist in vollem Gange.

Und diese Debatte geht weiter, auf dem taz lab am 27. April. Alle Infos und Details zum taz-Kongress 2024 gibt es in unserem tazlab-Infobrief – einfach hier anmelden.