3.000 ANSCHLÄGE AUF DIE KOALITION: JANNEKE DE VRIES BENENNT KULTURPOLITISCHE MINDESTANFORDERUNGEN AN EINEN NEUEN SENAT

Gemeinschaft braucht Kultur

■ 47, Kunsthistorikerin, seit 2008 Direktorin der Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK). Ihre konzeptionelle Arbeit war 2015, 2013 und auch 2012, als sie eine „Besondere Auszeichnung“ erhielt, für den Preis für Kunstvereine nominiert. Vor der GAK leitete de Vries den Kunstverein Braunschweig, von 1999 bis 2003 war sie Chefredakteurin des Kunstmagazins artkaleidoskope.

Zunächst wünsche ich mir eine Beendigung der Debatte um den Teerhof als Kulturstandort. GAK, Museum Weserburg und Zentrum für Künstlerpublikationen sind von der nicht enden wollenden Diskussion unmittelbar betroffen: Entweder verbleiben wir drei auf dem Teerhof, man saniert das Weserburggebäude und baut es innovativ und besucherfreundlich um, oder das Museum zieht in einen Neubau in den Wallanlagen. Für GAK und Zentrum müssten dann andere Räume gefunden und umgebaut werden.

Dass ein Verbleib auf dem Teerhof kostengünstiger ist und viel mehr Potenzial hat, liegt auf der Hand. Warum also steht die Entscheidung seit fünf (!!!) Jahren aus und erschwert die Arbeit der drei genannten Institutionen durch einen anhaltenden Schwebezustand? Deshalb: Kein zögerliches Verschleppen mehr, sondern aktives Nach-vorne-Gestalten mit den nötigen Absicherungen für die Zukunft!

Ein weiterer Wunsch: Die Beendigung der Diskussion um das Museum Weserburg. Bremer Politik und Kulturszene haben zugelassen, dass das Museum 2010 wesentliche Teile seiner Sammlung aus Finanznot verkauft hat. Seither wird mehr und mehr der Eindruck vermittelt, das Haus spiele im institutionellen Gesamtgefüge dieser Stadt keine Rolle. Ein Irrtum, den die neue Regierung korrigieren sollte!

Ohne die Weserburg als Museum und eine angemessene Ausstellungsfläche wäre ein Großteil der künstlerischen Bewegungen nach 1960 nicht mehr in Bremen präsent. Natürlich gibt es dort viel zu tun – aber das hat man durchaus erkannt: Die Ausstellungen sind vielseitiger, die Beziehungen zu Privatsammlungen werden intensiviert, die Vermittlung des eigenen Tuns wird ernster genommen, die Finanzen werden verantwortungsvoll gehandhabt und man denkt über eine Strukturveränderung nach, die das Zentrum für Künstlerpublikationen innerhalb der Stiftung verselbständigt.

Angezeigt wäre es nun, ein Zeichen zu setzen, und das Haus als erhaltens- und unterstützenswert anzuerkennen, denn die aktuelle Situation schadet nicht nur dem Museum, sondern mittelbar auch der GAK sowie der ganzen Szene zeitgenössischer Kunst in Bremen. Es geht um die politische Akzeptanz von zeitgenössischer Kultur in dieser Stadt.

■ Die Nachwahlrangeleien haben die Programme verflüssigt: Es tauchen Pläne auf, Ideen werden konkretisiert und Vorhaben benannt, von denen vor dem 10. Mai noch gar nicht so recht die Rede war. So wollen die designierten Koalitionspartner ihre Profile schärfen infolge ihrer Stimmverluste. Die Gastkommentar-Serie der taz hilft Grünen und SPD dabei: Hier bündeln AkteurInnen der Zivilgesellschaft ihre Forderungen an die neue Regierung in Texte von je 3.000 Anschlägen.

■ Heute: Kuratorin Janneke de Vries

Und damit sind wir bei meinem letzten Wunsch: Liebe neue Regierung, es bringt dem Haushalt nichts, die wenigen Gelder zu kürzen, die der Kultur zur Verfügung stehen – im Gesamtverhältnis ist das nicht einmal ein Tropfen auf dem heißen Stein! Dagegen entziehen Kürzungen uns die Grundlagen kultureller Arbeit, die bereits in den gegebenen Rahmenbedingungen nur unter Selbstausbeutung der Beteiligten möglich ist.

Eine lebendige und tolerante Gemeinschaft aber braucht Kultur: Sie ist einer der letzten Freiräume in unserem von Zweckmäßigkeiten bestimmten Miteinander, der den Blick auf Unbekanntes ermöglicht, die eigene Perspektive erweitert und eine kreative Beschäftigung mit gesellschaftsrelevanten Fragen bietet. Daher bedeutet eine Kürzung des Kulturhaushaltes eine Kürzung der Grundfesten unserer Gesellschaft und zerstört mehr, als sie an anderer Stelle hilft.