GROSSMUTTER ERINNERT SICH AN DIE DEUTSCHE BESATZUNG

Dein Ding gab’s damals nicht

GLOBETROTTER

ELISE GRATON

Meine Oma war gerade sieben Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ein knappes Jahr später wurde ihr Vater von den deutschen Besatzern verhaftet. Warum, weiß sie nicht, nur dass er mit anderen Männern in ein Schloss verschleppt wurde. „Aber die Wachen waren spärlich aufgestellt“, das soll mein Urgroßvater erkannt haben, sagt meine Großmutter. „Und weil niemand die Namen der Gefangenen aufgeschrieben hatte, ist er einfach nachts mit einem Kumpel verduftet.“

Es dauerte dann aber doch ein paar Wochen, bis er den Weg zurück zu seiner Familie fand, von der er sich mit folgenden Worten verabschiedet hatte: „Unter gar keinen Umständen geht ihr von hier weg! Sonst finde ich euch nicht wieder.“ Damals wohnte die Familie in Saint-Jean de Linières bei Angers, 300 Kilometer südwestlich von Paris. Die Eltern betrieben eine Kneipe an der Nationalstraße 23, die durch das Dorf nach Nantes, der nächsten Großstadt, führte.

Deswegen saß meine Oma bei einer der massivsten europäischen Flüchtlingswellen des 20. Jahrhunderts quasi in der ersten Reihe: Als die deutschen Truppen ab Mai 1940 in die Niederlande, Luxemburg, Belgien und den Großteil Frankreichs einmarschierten, flüchteten acht bis zehn Millionen Menschen gen Süden und Südwesten – am Haus meiner Oma vorbei. „Sie kamen auf Karren voller Matratzen, Stühle, Töpfe“, erinnert sie sich. „Wie im Film!“, fügt sie hinzu, um sicherzustellen, dass ich mir ein Bild davon machen kann. „Wir zitterten in unseren Höschen, aber wir haben uns nicht vom Fleck bewegt!“

Geld für die Gefangenen

Als mein Urgroßvater schließlich wieder zu Hause ankam, lebte die Familie nicht mehr alleine: Eine Nachbarin, ihr Kind und eine Handvoll Flüchtlinge hatten sich bei meiner Urgroßmutter, meinem Großonkel und meiner Oma in der kleinen Wohnung über der Kneipe einquartiert. „Einer davon hat uns mal das Leben gerettet. Der war aus dem Elsass, ein großer Mann. Den sehe ich noch vor mir. Und in der Schule waren auch zwei neue Mädchen aus dem Norden, mit denen sangen und tanzten wir am Bahnhof, um Geld für die Gefangenen zu sammeln. An die denke ich oft.“

Oma, wie hat euch der Elsässer das Leben gerettet, hake ich nach. „Ach ja, ich schweife ab! Also, eines Abends kamen Deutsche in unsere Kneipe, die wollten etwas bestellen, sprachen aber kein Französisch, und wir kein Deutsch. Da wurden die richtig sauer, ja aggressiv, weil wir nicht verstanden, was sie von uns wollten.“ Und dann? „Also haben wir den Elsässer geholt, und der hat für uns gedolmetscht. Die wollten Champagner! Als würden wir jeden Tag Champagner trinken!“ Und dann? „Na, im Keller haben wir zum Glück zwei Flaschen gefunden. Die gaben wir her und hatten dann unsere Ruhe.“

Bis die Amerikaner kamen

Meine Oma weiß nicht mehr, wie die Flüchtlinge hießen, wo sie herkamen, wie viele genau bei ihnen übernachtet haben. Manche gingen nach ein paar Tagen weiter Richtung Süden oder doch in ihre Heimat zurück. Andere sind bis zum Kriegsende im Dorf geblieben, bis die Amerikaner kamen und die Straße, an der meine Oma lebte, offiziell in „Voie de la liberté“ (Straße der Freiheit) umgetauft wurde. „Aber das ist eine andere Geschichte.“ Mit den zwei Mädchen aus der Schule hätte sie gerne Kontakt behalten. „Damals gab’s dein Ding aber noch nicht.“ Mit meinem „Ding“ meint sie das Internet. „Und die Zeit war so chaotisch.“

Wer hat eigentlich die Verteilung der Flüchtlinge im Dorf organisiert, fragte ich. „Keine Ahnung“, antwortete sie verdutzt. „Wir nahmen sie einfach auf. Manche haben gefragt, anderen haben wir spontan geholfen. Die Frage hat sich damals gar nicht gestellt“. Wirklich? „Na ja“, zögert meine Oma, die niemals sagen würde: „Früher war alles besser.“ Aber sie versteht, worauf ich hinaus will: „Heute ist es anders: Die Leute kennen sich nicht mehr. Die fahren alle Auto.“