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Klassenstreber bei Kettcar

Sieben ausverkaufte Konzerte in der Stadt, in der sie als Helden gelten. Kettcar, die eloquenten Analytiker von Volkes Seele. Da sind die Erwartungen groß: Frenetische Fans, überbordender Bierkonsum, epochale Euphorie und natürlich eine längst vergessene Blumigkeit der Sprache.

Doch als wir ins Docks kommen, sitzen die Fans der Melancholiker auf dem Boden. Auf dem Fußboden. Bei einem Rockkonzert! „Die werden schon noch aufstehen“, denken wir ganz zuversichtlich. Sie erheben sich sogar schon zur Vorband „Delbo“, die allerdings so langweilig ist, dass wir uns langsam die Augen rauspulen möchten.

Dann, endlich: Kettcar! Jetzt muss hier doch mal Leben in die Bude kommen, die sind doch alle noch so jung! Nix da. Die Masse verharrt in ihrer Trägheitsstarre. Gut, sie wippen ein wenig mit den Köpfen und auch ein paar schlaffe Arme pendeln vor Bäuchen. Aber wo ist der Elan? Die Euphorie?

Wozu stehen die dicken Männer vor der Bühne und schauen finster ins Publikum? Erwarten sie tatsächlich, dass dieser brave Haufen an Weltenzweiflern hochstürmt? Hätte man besser Stühle aufstellen sollen, damit es sich nicht so schwer trägt, an der Last der bösen, fiesen Welt? Plötzlich zischt es uns an. Ein Mädchen dreht sich um: „Könnt ihr euch bitte leiser unterhalten?“ Der Kettcar-Fan ein Klassenstreber.

„Naja“, meint der Kollege, „besser als Fernsehen.“ Bildungsauftrag erfüllt. Elisabeth Weydt
, Jessica Riccò