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Pfeife, Hut, Überzieher: Georges Simenon und sein Schicksalsflicker

Mein Freund Maigret

Als Georges Simenon im September 1950 den Band „Maigrets Memoiren“ schrieb und darin den Kommissar Maigret sein Leben erzählen und auch auf den Romanautor Simenon treffen ließ, kam dieses literarische Bäumchen-wechsel-dich-Spiel einem Eingeständnis gleich: Maigret, das bin doch ich! Und dabei hatte Simenon zuvor manche Gelegenheit wahrgenommen, um sich von Maigret zu distanzieren, hatte seine Maigret-Romane oft genug als „halben Schund“ bezeichnet und sich erfolgreich als Autor von so genannten harten Romanen etabliert, hatte jahrelang keinen Maigret-Roman geschrieben und ihn nur hin und wieder noch als Pensionär von seinem Häuschen in Meung-sur-Loire aus agieren lassen – es half alles nichts: Der große, breitschultrige und schwergewichtige Kommissar mit seiner notorischen Pfeife im Mund, dem Hut auf dem Kopf und dem schweren Mantel am Körper wollte nicht von Simenons Seite weichen.

Ja, und mehr noch. Nachdem Maigret sich wie ein „echter“ Kommissar ausgiebig über die „frisierten“ Wahrheiten in Simenons Maigret-Romanen erregt hatte, stellt er eines Tages fest: „Wissen Sie, dass Sie in den letzten Jahren angefangen haben, auf die gleiche Art zu gehen, die Pfeife zu rauchen, ja sogar zu sprechen wie Ihr Maigret?“ Und sinniert dann weiter: „Es ist die Wahrheit, und das verschafft mir begreiflicherweise ein köstliches Gefühl befriedigter Rache. Man könnte fast sagen, er habe nach all den Jahren begonnen, sich für mich zu halten.“

Da hat Maigret doch so einiges gefuchst bei seiner Begegnung mit Simenon, denn „befriedigte Rache“ zu fühlen ist sonst nicht seine Art. Ihm sind alle Menschen, mit denen er privat und aufgrund seines Berufes zu tun hat, erst einmal von Grund auf sympathisch. Maigret ist unten mit den kleinen Leuten und braven Bürgern, so wie auch er einer ist: Sohn eines Schlossverwalters, abgebrochener Medizinstudent und Polizist von der Pike auf. Er respektiert die Berufsverbrecher, die Taschendiebe, Betrüger, Zuhälter und Prostituierten, und auch im Milieu der Reichen, in dem er sich sichtlich unwohl fühlt, übt Maigret sich in Nachsicht. Für ihn gibt es nur Opfer, keine Schuldigen. Maigret will nicht urteilen, sondern verstehen, und in erster Linie ist ihm daran gelegen, „Schicksale zu flicken“ (Simenon). Dabei lässt er sich vor allem von seiner Intuition leiten – er geht nicht nach Plan vor und zieht seine Schlüsse, sondern er macht es sich, wie es in einem der Romane heißt, „in seiner Untersuchung wie in Pantoffeln bequem“: ohne Hast, mit einer gewissen Behaglichkeit, durch schiere Präsenz.

So wie Maigret mit seinen Untersuchungen ergeht es dem Leser mit den Büchern: Man richtet sich behaglich ein, vor allem in Maigrets Welt. Der Fall muss gar nicht so knifflig sein, die Figuren tiefenpsychologisch gar nicht so interessant, denn da ist schließlich immer der überaus sympathische Maigret mit seiner Wetterfühligkeit, seinem ständigen Durst, seiner Freude am Essen.

Zu jeder Untersuchung gehört es, dass er irgendwo einkehrt, um etwas zu trinken, Bier, Wein, Grog, Vermouth-Cassis etc., oder um zu essen. Dabei versteht sich, dass Maigret die kleinen, schummerigen Restaurants bevorzugt, wo der Speisezettel noch auf einer Schiefertafel steht und man durch die Küchentür die Wirtsleute am Herd stehen sehen kann. Das Wetter wiederum spielt in fast jedem der 76 Maigret-Romane eine wichtigere Rolle als die jeweiligen Zeitumstände: die Unruhe der Dreißigerjahre, der Zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit oder die bewegten Sechzigerjahre, all das findet nur wenig Einlass. Man merkt schon auf, wenn in einem der jüngeren Romane einmal von „Hippies“ die Rede ist.

Die Atmosphäre der Maigret-Romane ist eine merkwürdig hermetische, sie ist irgendwie romantisch, oft ein wenig düster. Sie wird bestimmt von Paris oder der Provinz, den Menschen, die hier leben, und eben vom Wetter. Und nicht zuletzt davon, dass sich Maigrets nähere Umgebung seit dem ersten, 1931 niedergeschriebenen Roman „Maigret und Pietr der Lette“ kaum verändert hat.

Im Gegensatz zu Simenon lebt Maigret immer mit derselben Frau zusammen, dem anscheinend anspruchslosen Hausmütterchen Louise „Madame“ Maigret. Die beiden führen eine harmonische, aber kinderlose Ehe, in der Sex keine Rolle spielt. Dazu kommt Maigrets Inspektorenteam mit dem jungen Lapointe, dem dicken Torrence, dem blonden Janvier und dem Maigret-Lookalike Lucas, aber auch andere wie Doktor Pardon, der Laborexperte Moers, der Untersuchungsrichter Coméliau.

Ein kleines, vertrautes Umfeld, das wichtig ist für Maigret: Denn die Sehnsucht nach einem Dasein als Pensionär ist bei Maigret, der selbst immer so um die fünfzig, sechzig Jahre alt zu sein scheint, schon in den frühen Romanen sehr groß: „Er hatte das Empfinden, dass ihn der verflixte Beruf, für den er sich entschieden hatte, zu einem Leben zwang, wie es alle führten, statt dass er in Ruhe sein eigenes Leben leben konnte. Gott sei Dank würde er in ein paar Jahren pensioniert werden, er würde sich einen großen Strohhut zulegen und seinen Garten bestellen …“

Kleinbürgers Traum, mit dem Maigret aber auch vielen anderen Menschen direkt aus der Seele spricht. Doch bis zur endgültigen Pensionierung sollte es noch dauern. Erst 1972 löste er seinen letzten Fall in „Maigret und Monsieur Charles“. Es war gleichzeitig der letzte Roman, den Georges Simenon, der 1989 starb und heute 100 Jahre geworden wäre, geschrieben hat. GERRIT BARTELS