english is crazy von RALF SOTSCHECK

Seit Samstag gibt es also 25 Länder in der Europäischen Union. Die meisten benutzen ein Zahlungsmittel, von dem es keinen Plural gibt: Der Euro heißt auch in der Mehrzahl Euro, so hat es eine Direktive aus Brüssel festgelegt. Auch der Cent bleibt Cent, selbst wenn er zu zweit ist. „Besonders blödsinnig ist das“, monierten englische Experten, „wenn man den Euro mit der US-Währung vergleicht, bei der es sehr wohl einen Plural gibt: Fünf Cents sind circa vier Cent wert.“

Warum regen sie sich eigentlich auf? Zum einen haben sie nach wie vor ihr Pfund, das einen schönen Plural hat, zum anderen macht der Plural im Englischen ohnehin, was er will. Fisch ist Fisch, auch wenn es sich um einen ganzen Schwarm handelt. Auch Kabeljau und Lachs, Heilbutt, Hecht und Hai sind wie der Euro zur Einzahl verdammt. Die englische Sprache gesteht lediglich Krabbe, Hummer und Aal einen Plural zu. „Wenn es Beine hat oder sich schlängelt, erhält es den konventionellen Plural“, mutmaßt der irische Kolumnist Kevin Myers.

Aber was ist in der englischen Sprache schon ein konventioneller Plural? Im Obstkorb befindet sich lediglich „fruit“, auch wenn es eine ganze Obstplantage ist. Geht es dagegen um den Ertrag der Arbeit, ist „fruits of labour“ plötzlich erlaubt. Und was ist mit den Worten, bei denen der Singular mehr ist als der Plural? „Grass“ zum Beispiel ist eine ganze Wiese, mit „grasses“ sind dagegen einzelne Gräser gemeint. Dasselbe gilt für Haare. Bei dem Musical „Hair“, das die Älteren unter Ihnen noch kennen werden, ging es schließlich nicht um ein einzelnes Haar. Mit Haar und Gras halten es die Deutschen freilich ähnlich. Die Engländer setzen noch eins drauf: „Straw“ ist das Bett, auf dem die Pferde schlafen, wohingegen „straws“ die Halme sind, durch die man das dünne englische Bier trinkt, damit es etwas Wirkung zeigt.

Kompliziert wird es bei der Verwandtschaft. Schwiegersöhne heißen „son-in-laws“, aber Schwiegermütter „mothers-in-law“. Es gibt Worte, die nur im Plural auftreten. „Scissors“ heißt es auch dann, wenn nur eine klitzekleine Nagelschere gemeint ist. Und dann ist da noch der altmodische Plural, der Generationen von ausländischen Schulkindern in den Wahnsinn getrieben hat, weil er keiner Regel folgt: „Foot“ wird zu „feet“, aber „boot“ noch lange nicht zu „beet“. Das ist nämlich eine Runkelrübe und kein Stiefel.

Pete Seeger, der geniale US-amerikanische Sänger, hat die Idiotie der englischen Sprache besungen. In seinem Lied „English is crazy“ wundert er sich unter anderem, dass eine Ananas, also „pineapple“, weder „pine“ noch „apple“ enthalte, und dass man in einem „parkway“ fahren und in einem „driveway“ parken soll. George Bernard Shaw, der Dubliner Literaturnobelpreisträger, fand das Englische so ulkig, dass er „Ghoti“ schrieb, wenn er den plurallosen „Fish“ meinte. Er erklärte es einleuchtend: „F“ wie in „laugh“, „i“ wie in „women“, „sh“ wie in „nation“.

Warum soll sich also ausgerechnet der Euro an irgendwelche Regeln halten? Was die Engländer offenbar wurmt, ist die Tatsache, dass sie in diesem Fall das sprachliche Chaos nicht selbst angerichtet haben, sondern es ihnen von Brüssel verordnet wurde. Dabei hat „Chaos“ ja nicht mal einen Plural.