unterm strich
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Da wir hier auf diesen kleinen schnuckeligen Zeilen unterm Strich ausschließlich der Wahrheit verpflichtet sind, vorweg eine Warnung: Vorsicht, Kummergefahr! Vorsicht, Wahrheit! Tatsächlich trug man uns zu, dass am Samstag einer der größten lebenden deutschen Schriftsteller unsere hotte Stammkneipe 103 auf der Kastanienallee in Berlin besucht hat: Joachim Lottmann. Er saß dort mit dem Kollegen Axim Hiller und erzählte diesem, wie Hiller uns später erzählte, dass er gar nicht wisse, wie er mit seinem frischen Ruhm umgehen solle. Sein Roman „Die Jugend von heute“ entwickelt sich nämlich mehr und mehr zum Buch der Saison, auch wenn keiner weiß, warum, schon gar nicht Lottmann, wie er Hiller gestand.

Angefangen hatte alles mit einer Spiegel-Rezension, in der er auf eine Stufe mit Michel Houllebecq gestellt wurde. Schon damals sei ihm der Angstschweiß aus allen Poren gekrochen: „Ich bin doch kein Apokalyptiker, ich bin doch nur der böse Onkel Jolo“, so Lottmann, dessen Graubrotgesicht bei diesen Worten auch starke rote Töne anzunehmen begann und die Kellnerin im 103 zu ungewohnt besorgten Blicken animierte, wie es uns Hiller bei einem Absacker im Schwarzsauer beschrieb.

Und dann ging es Schlag auf Schlag: Wir schickten unseren allerbesten Mann; die FAS betonte, tief beeindruckt von Lottmanns großen Auftritten auf der Buchmesse, die Größe von „Die Jugend von heute“; die SZ schickte ihren besten Mann, um auch einmal Lottmanns Wartburg in seiner ganzen Pracht zu bewundern; und die FAS toppte das gestern wiederum mit einer begeisterten Rezension von Lottmanns „Wirklichkeitsverweigerungsroman“.

Lottmann aber ist tief verunsichert, wie er Hiller in zittrigen Worten bekannte. Wie soll er das verkraften?, fragte er Hiller, vor allem aber: Wie soll er diese plötzlichen Umarmungen verstehen? Sind die ernst gemeint? Oder lügen die plötzlich alle und wollen ihn nur mit ihrer Zugetanheit zerstören? Doch noch schlimmer, so Lottmann, sei für ihn nun das Problem, Wahrheit und Lüge weiterhin so fein auszubalancieren wie bisher.

Irgendwas von „Lebenswerkzerstörung“ hätte Lottmann kurzzeitig gar gemurmelt, doch nach einigen Tränchen wäre schnell wieder ein Strahlen über sein Graubrotgesicht gegangen, so Hiller im Schwarzsauer, und Lottmann hätte begeistert von neuen Projekten geredet: „Ich, Lottmann und die Gangster“ heißt sein nächstes Buch. Ein Zeit- und Medienroman, der vom „Zauberberg“ bis zu den „Jahrestagen“ weiß Gott alles in den Schatten stellen würde, berichtete Haase noch, um dann nass, gerührt und begeistert vom Barhocker zu fallen.