TÜRKEI: DER BOOM BRAUCHT JETZT DAS AUSLANDSKAPITAL

Zypern wird an der Börse notiert

Wird aus der Türkei ein Tigerstaat oder ein Fass ohne Boden? Immer mehr geraten jetzt die finanziellen Aspekte in den Vordergrund, nachdem es beim EU-Beitritt bisher vor allem um Menschenrechte und Demokratie ging. Entsprechend aufmerksam schauen die Haushaltspolitiker in der EU auf die wirtschaftliche Entwicklung am Bosporus.

Auf den ersten Blick scheinen sich die schönsten Hoffnungen zu bestätigen. Das Land hat seit drei Jahren Wachstumsraten zwischen sieben und zehn Prozent. Die Börse, die im letzten Jahr um ein Drittel zugelegt hat, ist mit einem neuen historischen Hoch ins Jahr 2005 gestartet. Und die türkische Regierung hat mit einer Währungsreform geschickt diesen Trend verstärkt, indem sie signalisiert, dass die Zeit der Inflation vorüber sei und jetzt Stabilität und Wachstum erwartet werden dürfen.

Doch noch entspricht die gute Stimmung an der Börse und in den Chefetagen nicht der Stimmung im Land. Der Weltwährungsfonds hat Kredite nur gegen Kürzungen bei den Subventionen zugesagt. Die Gewerkschaften kämpfen um den Erhalt der staatlichen Krankenhäuser und um die Funktionsfähigkeit der staatlichen Schulen. Obwohl ein kleinerer Teil der Gesellschaft nach der Krise von 2001 wieder gut verdient, hat der Aufschwung noch nicht zu spürbar vielen neuen Jobs geführt.

In dieser Situation kommt es nun darauf an, ob sich die wichtigste Erwartung der türkischen Regierung an den EU-Beitrittsprozess erfüllt: dass das Land endlich von ausländischen Investoren entdeckt wird. Während in den letzten Jahrzehnten aufgrund schlechter politischer Rahmenbedingungen nur wenige Kapitalgeber ins Land kamen, soll jetzt der Durchbruch kommen. Die Voraussetzung dafür aber ist, dass es der Regierung Erdogan weiterhin gelingt, alle Probleme, die die Stabilität und die EU-Annäherung bedrohen, aus dem Weg zu räumen. Deshalb blickt die Börse nicht nur auf die Unternehmensdaten, sondern genauso gespannt auf Zypern. Rückt eine Lösung näher, die die Teilung der Insel überwindet, ist damit auch der Fortgang des wirtschaftlichen Aufschwungs wahrscheinlicher. JÜRGEN GOTTSCHLICH