: Der Chor der syrischen Journalistinnen
Nach monatelangem Online-Austausch kamen 15 syrische Journalistinnen aus allen Teilen des Landes auf Initiative der taz panterstiftung in Damaskus zusammen. Ein Workshop mit Zwischentönen
Foto: taz panterstiftung
Von Sven Reckerund Petra Bornhöft
Ein Lied, sollte man meinen, kann keinen Schaden anrichten. Wie falsch diese Annahme sein kann, zeigte sich im Mai dieses Jahres, als sich auf Initiative der taz panterstiftung zum ersten Mal eine Gruppe von 15 Journalistinnen aus allen Teilen Syriens für ein dreitägiges Onlinetreffen zusammenschaltete. Das ursprünglich geplante persönliche Treffen in Damaskus musste aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. In der ersten Kohorte kamen zehn Journalistinnen im Mai 2025 in Beirut (Libanon) zusammen. Danach ging es für sechs Monate online weiter.
Angeregt und kollegial diskutierten die Journalistinnen der dritten Kohorte des Projekts „Her Turn Syrien“ online darüber, welche Wunden der Krieg in die syrische Gesellschaft gerissen hat und wie eine ausgewogene und verantwortungsvolle journalistische Berichterstattung dazu beitragen kann, die Gräben zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen zu überwinden. So gut das online bei einem ersten Treffen eben möglich ist – die Stimmung war gut.
Dann kam die Sache mit dem Lied.
Die Hausaufgabe für den letzten der drei Tage des Onlinetreffens lautete: Einigt euch auf ein Lied, das euch als eine Art Erkennungsmelodie bis zum Ende des Jahres auf eurer gemeinsamen journalistischen Reise durch Syrien begleiten kann. Die Idee scheiterte kläglich und entzweite die Gruppe entlang der ethnischen, religiösen und kulturellen Trennlinien im Land.
Auf den Streit folgten Entschuldigungen und Beschwichtigungen, die Arbeit an gemeinsamen Artikeln begann. Sie schrieben darüber, welche Rolle die Renovierung von Parks für die Wiederaufnahme eines öffentlichen Lebens in Homs darstellt, über Luftverschmutzung in Qamischli, die Rolle von Frauen im syrischen Journalismus, über die Probleme von Menschen, die in ihre zerstörten Häuser zurückkehren, nur um festzustellen, dass dort bereits eine andere geflüchtete Familie lebt. Sie arbeiteten gemeinsam an einem Handbuch über konfliktsensitive Berichterstattung. Die Kurzversion davon lautet: DO NO HARM.
Die Sache mit dem Lied wurde nie wieder erwähnt, klang aber ganz leise im Hintergrund während der kommenden Onlinetreffen immer noch nach.
Fünf Monate später, in der letzten Woche des Septembers 2026, dann, endlich, ist ein persönliches Treffen in Damaskus möglich. Für drei Tage treffen sich die 15 Journalistinnen mit den Coaches der taz panterstiftung und Vertreterinnen der syrischen Zivilgesellschaft. Ziel des Programms ist es, einen gemeinsamen Nenner für eine Berichterstattung über den Neubeginn in Syrien zu finden, die mögliche Lösungen und Perspektiven aufzeigt und die Aufarbeitung der Vergangenheit journalistisch begleitet.
Doch auch hier, in einem Raum im „Arab Radio & TV Training Center“, zeigt sich, wie gut es dem Assad-Regime in den vergangenen 50 Jahren gelungen ist, die unterschiedlichen Gruppen im Land gegeneinander auszuspielen, um sich die eigene Macht zu sichern.
Die 15 Journalistinnen sitzen nach Regionen getrennt, das Einzige, was sie zu einen scheint, sind ihre eigenen traumatischen Erfahrungen, die sie während der ersten Diskussion mit ihren Kolleginnen teilen. Von Haft über Vertreibung bis hin zum Verlust von Familienangehörigen ist eine jede Berichterstatterin und Betroffene zugleich.
Durch die persönliche Begegnung während der drei Tage in Damaskus wird allen aber sehr bald klar, dass es mindestens genauso viel gibt, was sie eint. Allem voran ihre Rolle als Journalistin in einer von Männern dominierten Medienlandschaft. Oder die Schwierigkeit, als Mutter Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Und natürlich: die Herausforderung, zwei Jahre nach dem Fall des Assad-Regimes über den Neubeginn Syriens zu berichten.
Die Antworten, die sie hierzu während der von der taz panterstiftung organisierten Exkursionen erhalten, könnten unterschiedlicher kaum sein. In Saidnaja, dem Ort, der durch das berüchtigte Foltergefängnis des Assad-Regimes zu trauriger Berühmtheit gekommen ist, aber ursprünglich als Pilgerort für Christen und Muslime bekannt ist, erklärt ihnen eine Nonne, dass sie in Jahrhunderten und nicht in Jahren denkt und man deshalb mit Gottes Hilfe die Vergangenheit schon überwinden werde.
In Daraja, einem südwestlichen Vorort von Damaskus, der im syrischen Bürgerkrieg zu einem weltweiten Symbol für den zivilen Widerstand, extreme Zerstörung und eine erbarmungslose Belagerung wurde, treffen sie Frauen der Initiative Truth Tents, die landesweit Protest- und Gedenkstätten für Angehörige von Vermissten betreibt. Unter Tränen berichten ihnen Frauen, wie ihre Männer und Söhne von Scharfschützen erschossen wurden oder für immer in dem Foltergefängnis Saidnaja verschwanden. Nachrichten, wie und wohin ihre Söhne deportiert worden sind, haben sie bis heute nicht erhalten. Insgesamt werden in Syrien noch immer rund 100.000 Menschen vermisst. In keinem Land der Welt sind es mehr. „Der nationale Wiederaufbau von Syrien“, sagt die Leiterin der Truth Tents in Daraja, „wird nur gelingen, wenn wir endlich über das Schicksal unserer Angehörigen informiert werden und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.“
Wie groß diese Aufgabe ist und wie viel Zeit sie benötigen wird, lässt sich an der allgegenwärtigen Zerstörung in Daraja gut ablesen. Jedes zweite Haus ist zerstört, überall zeugen Trümmer und Schutt von den Fassbomben, die über dem Ort abgeworfen wurden, bis heute sterben Kinder, weil sie beim Spielen auf Minen treten.
„Kommt nach Aleppo“, sagt eine der Teilnehmerinnen, „dort sieht es in einigen Regionen noch schlimmer aus.“ Doch anstatt, dass sich die Journalistinnen erneut mit Opfergeschichten überbieten, entspannt sich eine konstruktive Diskussion darüber, wie man über das Schicksal der Vermissten berichten kann, ohne dabei die Mütter, die nach ihren Männern und Söhnen suchen, unangemessen vorzuführen oder gar erneut zu traumatisieren. Nach und nach lösen sich dabei die gegenseitigen Vorbehalte auf. Draußen, in der Trümmerlandschaft von Daraja, wartet der Kleinbus, der die Journalistinnen zurück ins Trainingszentrum bringt. Die Rückfahrt ins Zentrum von Damaskus beginnt. Auf einmal beginnt eine der Journalistinnen zu singen, erst klatschen die anderen im Takt, dann singen sie gemeinsam im Chor.
Sven Recker und Petra Bornhöft leiten die Projekte der taz panterstiftung in der Nordafrika- und Westasien-Region (MENA Green Panter 2024–2026, Her Turn Syrien 2025–26).
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