wortwechsel: Minneapolis, Iran und die Kittelschürze
Kann man ICE mit dem NS vergleichen? Sind die USA trotz ihrer eigenen politischen Entwicklung als Ordnungsmacht geeignet? Und die Kittelschürze polarisiert auch
Overstolz und Kittelschürze
„Guter Stoff. Kittelschürzen sind mehr als nur ein Kleidungsstück: Sie rufen Erinnerungen und Gefühle hervor, weiß die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Reis“,
wochentaz vom 31. 1. bis 6. 2. 26
Die Kittelschürze löst bei mir, Jahrgang 1958, Erinnerungen an meine Oma aus. In der Küche sitzend, immer in Kittelschürze, Overstolz rauchend, auf den Opa wartend, der mit dem Eingangrad aus der Fabrik die 20 Kilometer heim ins Dorf kam, wenn er nicht in der Kneipe im Dorf vorher hängen blieb. Das passierte aber höchstens ein Mal die Woche, wenn der Lohn ausgezahlt wurde. Oma ist auch in der Küchenschürze zum Bauern im Dorf gegangen, Milch holen. Nur zum Kochen wurde dann noch ein kleine Schürze vorgebunden, damit die Kittelschürze nicht schmutzig wurde. Ob’s da ein zweites Modell zum Wechseln gab, entzieht sich der Erinnerung. Aber die Kittelschürze und die halb gerauchte Overstolz werden immer mit Oma verbunden bleiben.
Heinz Kurtenbach, Much
Gruselige Erinnerung
Beim Lesen der Artikel zu den Kittelschürzen schüttelte es mich. An diesem Kleidungsstück haftet bei mir nur eine Erinnerung: Schon als Kind war mir klar, dass ich diese scheußlichen Teile niemals anziehen würde. Genauso wenig wie die langweiligen Nachthemden mit Spitzen und Knöpfchen, die meine Mutter in einer Näherei nähte. Sie legte für meine Schwester und mich einen Vorrat an. Gruselig. Ehrlich, zu diesen Kittelschürzen erinnere ich einzig die noch schrecklicheren Dauerwellenlöckchen, die die Köpfe ihrer Trägerinnen zierten. Welche Frau sollte sich so was zurückwünschen? Frauen, die diese Schürzen trugen, waren den ganzen Tag damit beschäftigt, Geld in Fabriken zu erwerben, zu Hause allein den Haushalt zu stemmen, für Kinder und Mann zu kochen, zu waschen, zu bügeln etc. pp. Und dann die Kittelschürze ausziehen, um im hübschen Kleid sein Wohlgefallen zu erwecken, egal wie müde sie von all den Arbeiten war. Dazu war sie qua Gesetz verpflichtet, zumindest in der BRD. Ich wünsche mir dieses Kleidungsstück für Frauen nicht zurück. Wenn Männer daran kuschelige Erinnerungen haben, dürfen sie die aber gerne anziehen und dann mal’ne Weile die Rolle ihrer Großmütter übernehmen.
Gabi von Thun, Bremen
Kerzen helfen nicht
„Schweigen und Brüllen: Die Europäer, Trump, der Iran und eine Eskalation, die längst stattgefunden hat“,
wochentaz vom 31. 1. bis 6. 2. 26
Vielen Dank für diesen Kommentar. Ich finde es ebenso unverständlich, wie auf der einen Seite sehr viele Artikel über Minneapolis erscheinen, allerdings das Massaker im Iran medial nur nachrangig behandelt wird. Da bin ich leider von vielen Nachrichtenkanälen sehr enttäuscht. Es scheint derzeit viel einfacher zu sein, sich im Trump-Bashing zu bestärken, als die schrecklichen Verbrechen im Iran in den Fokus zu stellen. Ich bin bei Weitem kein Fan von Trumps Politik, aber sollte er dazu beitragen, dass das iranische Volk sich des Regimes entledigen und über seine eigene Zukunft entscheiden kann, dann wünsche ich ihm viel Glück. Auf eine Reform der Ajatollahdiktatur zu hoffen, wird nicht funktionieren, ebenso wenig werden Sanktionen oder Protestnoten etwas ausrichten. Selbst viele Iraner wünschen sich jetzt ein militärisches Eingreifen der USA, da sie zu der Überzeugung gekommen sind, den Umsturz nicht alleine zu schaffen. Dieser Realität sollte man sich auch in Deutschland stellen, dass man gegen solche Regime leider nicht mit friedlichen Protesten und Kerzen ankommt.
Friedemann Queisser, Dresden
Mittel zur Macht
„Rechtsruck der Bedeutung von Begriffen. Während die emanzipatorische Identitätspolitik gegen Diskriminierung kämpft, meint die reaktionäre ‚Identitätspolitik‘ das Gegenteil“,
wochentaz vom 31. 1. bis 6. 2. 26
Sprache und Begriffe sind Mittel zu Verknüpfung und Austausch, aber auch Mittel zur Macht. Sie sind historisch geprägt und damit einer Wandlung unterworfen. Insofern spiegeln sie die jeweils aktuelle gesellschaftliche Realität wider. Der Identitätsbegriff ist ein vielschichtiger, entsprechend auch der Begriff Identitätspolitik. Konzentrieren wir uns doch lieber auf die Frage: Was ist und bedeutet mir meine Identität?, auf die inhaltlichen Unterschiede von „rechter“ und „emanzipatorischer“ Identitätspolitik und auf deren Folgen für das Individuum und die Gesellschaft, statt den Alleinanspruch auf die „richtige“ Definition und das exklusive Nutzungsrecht zu reklamieren. Denn das führt in eine Sackgasse und beendet die notwendige differenzierte Debatte.
Gisela Bräuninger, Ingelheim
Erlaubter Exzess
„Warum es falsch ist, ICE mit dem NS zu vergleichen. Die US-amerikanischen ICE-Milizen mit Gestapo oder SA zu vergleichen, bringt nichts außer Lähmung. Besser wäre, etwas gegen die Willkür zu tun“
wochentaz vom 31. 1. bis 6. 2. 26
Warum gehen die Menschen in Minneapolis gerade mit bewundernswerter Zivilcourage und in Solidarität auf die Straße? Doch nur, weil sie glücklicherweise etwas aus der Geschichte gelernt haben. Dies zeigen auch ihre Protestschilder. Von Lähmung kann daher gar keine Rede sein. Womit überhaupt noch nicht gesagt ist, ob der Vergleich mit dem Nationalsozialismus angebracht und richtig ist. Wenn die Gedenkstätte Buchenwald vor der Landtagswahl in Thüringen 2024 eine Aktion mit dem Motto „Es ist 5 vor 33“ überschreibt, dann ist dies tatsächlich billiger Alarmismus, der nur zu moralischer Selbstgerechtigkeit führt, aus der keine praktischen Handlungsstrategien folgen.
Denkt man den NS von seinem Ende her, der Schoah, dann ist jeder Vergleich unangebracht. Doch man muss ihn von seinen Anfängen her analysieren. Wo war der Kipppunkt, wo hätte er noch gestoppt werden können? Der NS begann nicht 1933, sondern mit dem „Preußenschlag“ am 20. Juli 1932, als die Demokratie noch nicht abgeschafft war. Und hier liegt die Parallelität zu den USA. Das Agieren der ICE als „hartes Durchgreifen des Staates“ zu bezeichnen, ist schon fast zynisch. An George Floyd zeigte sich willkürliches Handeln der Polizei, sein Tod war dennoch nicht intendiert und immer noch ein Regelverstoß. Die Erschießung von Renée Good und Alex Pretty ist dagegen die gewollte Regelüberschreitung, der erlaubte Exzess. Die Akteure werden dabei zu Komplizen, für die es danach keinen Weg mehr zurück gibt. Analogie, Vergleiche mit dem NS können daher durchaus der Analyse dienen, um politische Mechanismen zu beschreiben.
Thomas Fitzel, Berlin
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