: Bruder gegen Bruder, für Gott und Vaterland
Nordirland war bis 1998 Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten. Heute spaltet ein anderer Krieg die Bevölkerung: Die Grenzen markieren israelische und palästinensische Flaggen
Von Najem Wali
Jeder hasste einen Nachbarn, einen Freund oder Bruder, der ihn jahrelang und vielleicht ohne es zu merken ebenfalls hasste, und dieser Hass loderte in den Seelen der Menschen, ohne ein Ziel, gegen das sie ihn richten konnten. Doch plötzlich fingen sie an, nach Gewehren und Granaten zu greifen und heilige Banner über ihren Köpfen zu schwenken. Priester, Journalisten und Politiker aller Lager forderten sie auf, ihre Nachbarn, Freunde und Brüder zu töten, da dies der einzige Weg sei, ihr Vaterland und ihre Religion zu retten. Plötzlich war sie da, die Rechtfertigung für das, was den Menschen seit der Antike als ihr Schicksal auf die Stirn geschrieben stand: Mord.
In seinem 1949 erschienenen Roman „Die Brüdermörder“, der im imaginären Dorf Kastelos spielt, schildert der kretisch-griechische Autor Nikos Kazantzakis den inneren Konflikt und das Leid, das durch den dreijährigen griechischen Bürgerkrieg, 1946 bis 1949, verursacht wurde. Das Buch ist ein Versuch, die Frage nach Schuld und Verantwortung in einem Krieg zu thematisieren, in dem Menschen nicht nur gegen äußere Feinde, sondern vor allem gegen ihre Brüder und Nachbarn kämpften.
Vaterland und Religion sind von der Antike bis in die Gegenwart zwei Vorwände, die in Bürgerkriegen und Bruderkonflikten nach Belieben verwendet werden. Vaterland und Religion sind auch die Vorwände, hinter denen sich der Bruderkrieg in Nordirland versteckte, das Thema der diesjährigen „Westfälischen Friedensgespräche“, die ich in Zusammenarbeit mit dem Westfälischen Literaturbüro in Unna organisiere. Doch im Unterschied zu dem, was der Autor von „Zorba, der Grieche“ und „Bericht an El Greco“ formulierte, als er von Mord als Schicksal sprach, das den Menschen seit der Antike auf die Stirn geschrieben steht, nennen die Iren den Kampf, der in den späten 1960er-Jahren zwischen ihnen ausbrach, schlicht „The Troubles“, trotz des blutigen Charakters, den dieser bürgerkriegsähnliche Konflikt um Identität und Macht zwischen zwei ethnischen Gruppen über 30 Jahre bis zum „Karfreitagsabkommen“ 1998 annahm.
„The Troubles“: Es handelt sich bei dem Wort zweifellos um einen Euphemismus, der darauf hindeuten mag, dass das irische Volk an schwierige und schmerzhafte Konflikte in seinem Land derart gewöhnt ist, dass es das, was vor seinen Augen geschieht, nicht ernst nimmt und glaubt, es dadurch besiegen zu können.
Die Vergangenheit
Die Geschichte der Insel Irland ist geprägt von blutigen Aufständen und Bevölkerungsspaltungen, die bis ins Mittelalter zurückreichen, und ihre Auswirkungen sind noch heute im Norden, in der britischen Provinz Ulster, auch Nordirland genannt, spürbar. Im 16. Jahrhundert übernahm England die gesamte Insel. Später verloren die Iren ihr politisches und wirtschaftliches Recht auf Selbstbestimmung. Darüber hinaus versuchten die Engländer, im katholischen Irland den Anglikanismus durchzusetzen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts revoltierten die Iren gegen die englische Herrschaft. 1922 erlangte der südliche Teil der Insel die Unabhängigkeit und wurde zur Republik Irland. Die Provinz Ulster blieb jedoch Teil des Vereinigten Königreichs. Seit Ende der 1960er-Jahre kam es dort zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen katholischen Gruppen, welche die Einheit mit der Republik Irland forderten, und protestantischen Gruppen, die darauf bestanden, dass Nordirland zu Großbritannien gehört. Das Land wurde Schauplatz von Attentaten und Straßenschlachten. Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass es sich in erster Linie um einen politischen Konflikt handelte, selbst wenn sich die Extremisten auf beiden Seiten noch immer als religiöse Gruppen bezeichnen.
Nach den Ereignissen des „Bloody Sunday“, als im Januar 1972 in Derry (Londonderry) dreizehn unbewaffnete Demonstranten von britischen Fallschirmjägern erschossen wurden, eskalierte die Situation. Die britische Regierung übernahm die Kontrolle und isolierte das Parlament Nordirlands. Die Nordiren auf beiden Seiten fühlten sich von ihren Heimatfronten nicht ausreichend unterstützt. Die Milizen radikalisierten und spalteten sich. Die Lage wurde sehr verwirrend. In den folgenden Jahren starben zwischen 3.500 und 4.000 Menschen, fast die Hälfte davon Zivilisten.
Friedensabkommen
Es war ein langer und blutiger Weg bis zum Karfreitag vor 27 Jahren, am 10. April 1998, als sich die acht wichtigsten Kriegsparteien in einer Kirche in Belfast auf einen bahnbrechenden Friedensvertrag, das Karfreitagsabkommen, einigten. Bis dahin waren die Verhandlungsführer in Nordirland von Irland und Großbritannien zu geheimen Treffen gezwungen worden. Vor allem die Nordiren befürchteten Vergeltungsmaßnahmen ihrer Hardliner. Doch am Ende stimmten 71 Prozent der Menschen in Nordirland und 94 Prozent der Bevölkerung der Republik Irland in einem Referendum für das Abkommen. Damit war das Ziel eines langen, opferreichen Weges in Richtung Frieden erreicht.
Bis dahin waren die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gemeinden im Norden leicht zu erkennen. Die in den 1990er-Jahren geborene Romanautorin und Journalistin Aimée Walsh, eine der beiden Teilnehmerinnen des literarisch-politischen Projekts „Westfälische Friedensgespräche“, erzählt, wie sie lernte, sich als Jüdin zu bezeichnen, wenn man sie nach ihrer Religion fragte. „Wenn dich ein Fremder nach deiner Religion fragt, lüge. Sag ihm, dass du Jüdin bist“, warnte ihre Großmutter sie immer. Ihre Kollegin und zweite Teilnehmerin, die Autorin Jan Carson, die 1980 in Ballymena, einer protestantischen Hochburg in Zentral-Nordirland, geboren wurde und dort auch aufgewachsen ist, erzählt von dem Jahr, in dem sie das Autofahren lernte, das Jahr vor dem Karfreitags-Friedensabkommen. Dieser Sommer war äußerst angespannt, es gab Proteste, Konfrontationen und vereinzelte Gewalttaten in der gesamten Provinz. In der Nähe ihres Hauses hielten maskierte Männer Autos an, zerrten die Fahrer heraus und forderten sie auf, „The Sash“ („Die Schärpe“, ein Lied des Oranje-Ordens) zu singen, um zu beweisen, dass sie Protestanten waren. Wenn sie das Lied nicht singen konnten, verbrannten sie das Auto und schlugen den Besitzer. Jan Carson ist zwar Protestantin, kannte aber nur die erste Zeile des Liedes. „Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater gebeten habe, mir den Liedtext beizubringen – nicht weil ich die protestantische Kultur annehmen wollte, sondern weil ich Angst davor hatte, von Männern als katholisch wahrgenommen zu werden, die das als Vorwand nutzen könnten, um mich zu verfolgen“, sagt sie.
Das Karfreitagsabkommen hat zwar die Schwere der Gewalt und die Differenzen verringert, doch die Freude darüber hielt nicht lange an. Leider kam es zu Rückschlägen, widersprüchlichen Standpunkten und Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung. Von Zeit zu Zeit kam es sogar zu erneuten Unruhen und Bombenexplosionen. Seit dem Brexit ist die Situation abermals eskaliert: Die EU-Außengrenzen erstrecken sich faktisch zwischen Nordirland und der Republik Irland.
Parallel dazu ist im vergangenen Jahrzehnt das Interesse an der Idee eines Grenzreferendums wieder gestiegen. Gemäß den Bestimmungen des Karfreitagsabkommens kann ein solches jederzeit einberufen werden. Seit 2019 können Menschen in Nordirland mehrere Identitäten gleichzeitig besitzen. Sie können Iren oder Briten oder Briten und Iren sein. Sie können auch die EU-Staatsbürgerschaft beantragen, ein Privileg, auch wenn eine große Mehrheit der Protestanten sich immer noch weigert, die irische Staatsbürgerschaft anzunehmen, wie es im Fall der Familie von Jan Carson der Fall ist. Jan Carson ist die Einzige in ihrer Familie, die einen irischen Pass besitzt, und sie gibt zu, dass die Entscheidung für den irischen Pass, den sie nun hauptsächlich benutzt, bei ihr zu echten Loyalitätskonflikten geführt hat.
Darüber hinaus ergab eine Volkszählung 2021 eine Verschiebung in der Selbstidentität der Einwohner Nordirlands. Zum ersten Mal identifizierten sich mehr Menschen als Katholiken denn als Protestanten. Dieser Wandel spiegelte sich auch in den Wahlen 2024 wider, bei denen die nationalistische politische Mehrheit von Sinn Féin Michelle O’Neill zur Ersten Ministerin wählte. Ideologisch unterstützt Sinn Féin ein vereintes Irland, mit O’Neill an der Spitze ist die Partei gut aufgestellt, um eine Grenzumfrage zu fordern. Allerdings besteht auf der gesamten Insel weitgehende Einigkeit darüber, dass eine voreilige Durchführung einer Grenzbefragung ohne ausreichende Kenntnis ihrer Folgen negative Auswirkungen auf die Wirtschaft der Insel haben und auch den fragilen Friedensprozess gefährden könnte.
Nordirische Literatur
Im vergangenen Jahrzehnt kam es auch zu einer Öffnung hin zu nordirischer Literatur. Im Jahr 2018 belebten der mit dem Booker-Preis ausgezeichnete Roman „Milkman“ von Anna Burns und die Comedy-Serie „Derry Girls“ von Lisa McGee das Interesse an Geschichten über den Nordirland-Konflikt. Beide Werke befassen sich mit dem Konflikt aus der Perspektive von Mädchen im Teenager-Alter und öffneten die Tür weit zu einer Reihe neuer Schriften, die bisher ungehörten Geschichten aus dem Nordirland-Konflikt eine Stimme gaben. Heutzutage ist es viel einfacher, einen Verlag für Werke zu finden, die sich mit der Politik, Geschichte und Kulturlandschaft des Nordens befassen. Für nordirische Schriftstellerinnen und Schriftsteller besteht jedoch weiterhin ein Dilemma: Ständig sind sie der Erwartung ausgesetzt, dass ihre Arbeit Konflikte thematisiert. Einige von ihnen wurden bereits nach dem Friedensabkommen geboren und haben gar keine direkte Erinnerung an „The Troubles“. Jan Carson beispielsweise sagt, dass ihr das Ausmaß dieser Voreingenommenheit erst bewusst wurde, als sie im Sommer nach dem Brexit-Referendum mit einer englischen Schriftstellerin die Bühne teilte. Als diese nach den Auswirkungen des Brexits auf sie als Autorin gefragt wurde, antwortete sie schlichtweg: „Ich schreibe Romane, warum fragen Sie mich also nach Politik?“, während Carson sich zuvor genötigt gesehen hatte, zehn Minuten oder länger über das Thema zu sprechen, und bis heute bei fast jeder Lesung danach gefragt wird.
Carson bringt den Wunsch vieler nordirischer Schriftsteller zum Ausdruck, die gern über andere Themen schreiben würden, dazu aber nicht in der Lage sind, weil Nordirland mit seinen Wunden sie so stark geprägt hat. Gleichzeitig bringt sie zum Ausdruck, wie stolz sie als protestantische Schriftstellerin aus dem Norden ist, zu dieser Zeit Teil der irischen Schriftstellergemeinschaft zu sein. 2019 wählte die irische Jury für den Preis der Europäischen Union ihren Roman „Firestarter“ über loyalistische junge Männer in Ost-Belfast, die sich als Briten identifizieren, zum besten Buch der zeitgenössischen irischen Literatur.
Die Gegenwart
Am 9. Juni 2025 kam es in Ballymena zu Unruhen. Einige gingen auf die Straße, um rumänische Einwanderer mit rassistischen Angriffen einzuschüchtern. Sie taten das angeblich als Reaktion auf einen sexuellen Übergriff in der Stadt. Doch die Realität ist alles andere als edel: Es ging nicht um den Schutz von Frauen und Mädchen. Die rassistische Komponente ist deutlich sichtbar. Häuser wurden niedergebrannt, Fenster eingeschlagen. Einiges davon wurde live in Social-Media-Kanäle wie Tiktok übertragen. An einigen Fenstern hängten verängstigte Einheimische Union-Jack-Flaggen auf, um sich als weiße Protestanten auszuweisen. Es war ein erschreckender Anblick, selbst wenn man ihn nur über den Bildschirm eines Telefons sah. Diese von Unionisten dominierte Stadt begrüßt einen beim Betreten mit einem riesigen Banner mit der Aufschrift: „Ballymena sagt immer noch Nein.“ (Bezogen auf die Ablehnung des Karfreitagsabkommens und des Referendums.)
Früher mit religiöser Begründung, heute mit humanitärer. Aber in beiden Fällen agieren die Randalierer, als ob „Mord“ auf ihrer Stirn geschrieben stünde, als ob die Jagd eines Manns auf einen anderen Mann, eines Bruders auf einen Bruder, ein Schicksal ist, dem sie nicht entgehen können – es spielt keine Rolle, welche Rechtfertigungen sie anführen. Heutzutage ist es einfacher denn je, Unterschiede zwischen verschiedenen Gemeinschaften im Norden zu erkennen. Wer Belfast besucht und eine Reise durch die Städte Nordirlands, zum Beispiel Derry (oder Londonderry), unternimmt, wird unmittelbar sehen, wo die Grenzen zwischen den Wohnsitzen dieser Konfessionen – katholisch oder protestantisch – verlaufen.
Was für ein Paradoxon! Diese Grenzen werden nicht länger durch das Hissen der IRA-Flagge oder der Flagge Großbritanniens signalisiert, sondern durch andere Flaggen, die derzeit überall in Nordirland wehen: die Hisbollah-Flagge, die Hamas-Flagge und die palästinensische Flagge in katholischen Vierteln, die israelische Flagge auf den Dächern protestantischer Viertel. Auf diese Weise wird ein Krieg, der 6.000 Kilometer von Belfast entfernt tobt, nach Nordirland verlagert und könnte zu den „Troubles“ von morgen werden.
Ich weiß nicht, ob Aimée Walshs katholische Großmutter ihre Enkelin dieses Mal wieder so warnen würde, wie sie sie als Kind warnte: „Wenn dich ein Fremder nach deiner Religion fragt, lüge. Sag ihm, dass du Jüdin bist.“ Denn diese Lüge würde ihr in den katholischen Vierteln heute Probleme bereiten und die Bewohner dazu bringen, sie als Protestantin zu betrachten. Genauso weiß ich nicht, ob die extremistischen protestantischen „Unionisten“ Jan Carson weiterhin bitten würden, „The Sash“ anzustimmen. Sollte sie vielleicht besser die israelische Flagge am Kofferraum ihres Autos anbringen, um deren Kontrollpunkte sicher zu passieren?
Was für eine Absurdität ist das: Auch heute wird der „Tötungsinstinkt“ im Namen der Religion geweckt, aber dieses Mal im Namen zweier Religionen, die nichts mit der Religion derer zu tun haben, die in Belfast und Derry (oder Londonderry) ihre Flaggen gehisst haben. Es ist, als würden beide Parteien darauf abzielen zu bestätigen, was Nikos Kazantzakis sagte, als er den blutigen Konflikt in Kastelos beschrieb, dessen Akteuren ihr Schicksal auf die Stirn geschrieben stand: „Mord“. Mit dem einzigen Unterschied, dass sich ihr Schicksal in einem anderen Begriff manifestiert: „The Troubles“. Als seien sie dazu bestimmt, und es spielte keine Rolle, unter welchem Vorwand. Gestern lautete ihr Vorwand „Vaterland“ und „Religion“. Heute „Israel“ und „Palästina“.
Najem Wali, wurde im südirakischen Basra geboren. Er ist Schriftsteller sowie Writers-in-Prison-Beauftragter und Vizepräsident des PEN-Deutschland. Sein neuer Roman „Ein Ort namens Kumait“ ist am 28. August im Secession-Verlag erscheinen.
Die „Westfälischen Friedensgespräche 2025“ beginnen am 5. September und sind ein Projekt des Westfälischen Literaturbüros in Unna e. V. nach einem Konzept von Najem Wali unter Beteiligung des PEN-Zentrums Deutschland und des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.
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