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Sommermärchen in der Großdisco

Wäre dieses Buch ein Fußballspiel, würde sein Autor ihm womöglich zu viel Tändelei mit dem Ball vorwerfen. Der Weltmeister und TV-Experte Christopher Kramer hat einen abstiegsbedrohten Coming-of-Age-Roman geschrieben

Geschichten, die das Leben schrieb: 2006 ist der Chris aus dem Buch im Podolski-Trikot unterwegs. Später gewinnt sein Autor mit Podolski in Brasilien den Titel Foto: imago

Von Andreas Rüttenauer

Debbie war die Schönste überhaupt und im Lateinkurs sowieso. Der arme Chris dagegen ist nichts weiter als ein fußballverrückter Junge mit jeder Menge Pickel auf dem Rücken. Er ist bis über beide Ohren verliebt, glaubt er zumindest. Seine Mutter hatte es immer gesagt. Ob es Liebe ist, merke man erst, wenn sie einen wirklich erwischt. Und den armen Chris hat es erwischt. Es kommt zum ersten Kuss. Im Kino.

Moment mal! Wovon reden wir hier eigentlich? Von der 2.576sten Folge einer Telenovela, einem kitschigen Fußballmanga oder der Foto-Lovestory aus der Bravo? Und wieso hier im Feuilleton einer Tageszeitung, die doch eigentlich ernst genommen werden möchte? Es geht um „Das Leben fing im Sommer an“, den Erstling von Christoph Kramer, der gerade bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist.

Gut möglich, dass sich das Buch gut verkauft. Der Autor ist schließlich preisgekrönt. Er ist sogar Weltmeister, gehört 2014 zum Aufgebot des Deutschen Fußball-Bunds, das in Brasilien den WM-Titel gewonnen hat. Heute ist er 34, wäre wahrscheinlich immer noch gerne Fußballprofi, erklärt als Experte überaus eloquent und enervierend gut gelaunt für das ZDF den Nationalmannschaftsfußball, ist regelmäßiger Gast in einschlägigen Podcasts und jetzt eben auch Romanautor.

Ob er was zu sagen hat? Nun ja, Jungsdinge eben. Wahrscheinlich über sich selbst. Chris Kramer heißt der Icherzähler und ist 15. Er ist irgendwie anders. Er trinkt keinen Alkohol, und Drogen nimmt er schon gar nicht. Klar, er will Fußballprofi werden. Aber irgendwie süß soll er wohl rüberkommen, ist ein wenig gefallsüchtig, so wie der TV-Experte Kramer eben auch. Ist das vielleicht eine Botschaft? Dass man auch drogenfrei zur großen Liebe finden kann? Puh!

Aber da ist ja dann noch der Bruch in der Geschichte. Vielleicht macht die ja das Ding von der Schmonzette zur Literatur. Debbie knutscht schon am nächsten Tag mit einem anderen Typen, einem mit chinesischen Schriftzeichen als Tattoo auf dem Hals. O Gott! Der verzweifelte Chris und sein Freund Johnny machen sich mit einen gestohlenen Auto auf den Weg zu einer Großdisco in der Großstadt Düsseldorf. Klar, was ein echter Coming-of-Age-Roman sein will, kommt nicht ohne Roadtrip aus.

Es geht alles gut aus – natürlich. Am Ende hat keiner so recht gemerkt, dass da zwei Bubis eine illegale Autofahrt unternommen ­hatten. Es hätte ja auch nichts passieren dürfen, sonst wäre der eigentlich so grundgütige Chris vielleicht doch nicht Weltmeister geworden zusammen mit Lukas Podolski, in dessen Trikot er in jenem Heim-WM-Sommer 2006 unterwegs ist. Ach ja, die Barkeeperin aus der Düsseldorfer Disco wird später die Ehefrau von Chris. Auch das noch!

Christoph Kramer: „Das Leben fing im Sommer an“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025. 256 Seiten, 23 Euro

Oder ist das alles echt? Klar, man würde dem Autor diese Frage gerne stellen. Weil es aber schwer ist, einen gut vermarkteten Fußballweltmeister zu befragen, schickt der Verlag das Buch für die Rezensenten mit einem „exklusiven Interview“. Da erzählt Christoph Kramer, dass er einfach mal ein Buch schreiben wollte, das er selber auch kaufen würde. Sollten es andere kaufen? Seine Fans sowieso. Derer hat er viele. Die stören sich vielleicht nicht an den klischeehaften Schilderungen des ersten Kusses von Klein Chris, des Duftes ihrer Haare. Oder an nicht ganz so stimmigen Sätzen wie: „Hoffentlich hatte ­Debbie nicht gemerkt, dass ich sie angaffte wie ein Häftling, der nach lebenslanger Gefangenschaft das erste Mal wieder eine Frau sah.“

Und sonst so? Am Ende steht die doch ein wenig unangenehme ­Botschaft, dass man alles schaffen kann, wenn man es nur möchte. Fußballweltmeister kann man werden, aber eben auch Schriftsteller. Aber bevor jetzt alle, die mal eine Jugend gehabt haben, anfangen, Bücher darüber zu schreiben – ganz so einfach ist das nicht. Einen solchen Roman bei einem Verlag wie Kiepenheuer & Witsch unterzubringen, der doch eigentlich ernst genommen werden möchte, das schafft man wohl nur, wenn man mal eine Fußball-WM gewonnen hat.

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