: Kapitalismuskosmetik
Tapferer Lieferer in desaströser weißer Kutsche
Sie sind das weithin leuchtende Sinnbild für den Kapitalismus: die immer rasenden Lieferer in ihren verbeulten weißen Kleintransportern auf den Straßen unserer Republik. Heroisch halten sie die marode Wirtschaft am Laufen. Deshalb ist der anklagende Tonfall der Polizei in Rheinhessen nicht zu verstehen, die in der Nacht zu Mittwoch auf der A 61 bei Armsheim einen der tapferen Lieferheroen und sein Gefährt aus dem Verkehr zog. „Ende einer Autobahnfahrt“, lautete der lakonische Titel der dpa-Meldung gestern. Zwei Kosmetikspiegel als angeklebte Seitenspiegel; das fehlende Seitenfenster auf der Fahrerseite; zwei lange Risse in der Windschutzscheibe; beide stark porösen und mit Rissen überzogenen Vorderreifen über der Verschleißgrenze abgefahren; die auch im Stillstand bei mehr als 100 Kilometern pro Stunde verharrende Tachonadel – all dies führte zu einem vernichtenden Urteil der Autobahnpolizei: „ein völlig desaströser Zustand“. Außerdem habe der 32-jährige Fahrer keinen Führerschein gehabt, rundeten die Ordnungshüter das Gesamtbild ab. Fehlte eigentlich nur noch die Leiche hinten im Laderaum. Heldensaga geht anders. Er gibt alles, aber niemand würdigt den stillen Heroen in seiner schwer verbeulten weißen Lieferkutsche. Die im Dunkeln sieht man nicht!
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