Tischtennis-Star Timo Boll über Rückzug: „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt“
Für ihn ist es ein Abschied mit „reinem Gewissen“. Ausnahme-Tischtennisspieler Timo Boll beendet am Wochenende seine Bundesliga-Abschiedstournee.
Beim Gastspiel in Grünwettersbach Ende Februar schwappten La-Ola-Wellen durch die Halle. Der heimische ASC, der gegen Rekordmeister Borussia Düsseldorf mit 1:3 unterlag, schenkte dem Aushängeschild und Kaffeeliebhaber einen Korb voller erlesener Bohnen und eine lebenslange Dauer-Ehrenkarte. Mit Timo Boll unterhielt sich Hartmut Metz über seine lange Abschiedstour.
taz: Wie fühlen Sie sich auf Ihrer Bundesliga-Abschiedstournee? Die Fans kommen ja hauptsächlich, um Sie noch einmal zu sehen. Eine La-Ola-Welle machen die Grünwettersbacher Fans auch nicht alle Tage.
Timo Boll: Ja, das muss ich schon sagen. Das Grünwettersbacher Publikum war immer ein sehr herzliches. Die Fans sind zwar stets heiß, aber nie aggressiv gegen die Gegner. Die Zuschauer sitzen nah dran, weshalb man als Spieler mehr mitbekommt.
Tischtennis-Bundesliga, letzter Spieltag: Borussia Dortmund – Borussia Düsseldorf, Sonntag, 29. März, 18 Uhr. Danach folgen die Play-offs der besten vier Teams. Das Finale um die Deutsche Meisterschaft findet am 15. Juni in Frankfurt statt.
taz: Herrscht bei Ihnen eher Wehmut, dass Sie aufhören? Oder Erleichterung, endlich nicht mehr unter Druck zu stehen?
Boll: Es gibt schon Phasen, in denen man wehmütig wird. Aber auch Phasen, in denen man froh ist, wenn es vorbei ist. Insofern durchlebe ich derzeit ein Up and Down – aber das ist wohl normal. Ich versuche, die Abschiedstour zu genießen und das Beste zu geben, was noch in mir steckt. Es hat aber natürlich auch seine Gründe, warum ich aufhöre. Ich kann eben nicht mehr auf dem allerhöchsten Niveau spielen.
taz: Ihre Bilanz von 11:11 vor dem letzten Spiel in Dortmund weist so viele Niederlagen auf, wie Sie sonst in fünf, sechs Jahren zusammen nicht kassiert haben.
Boll: Das liegt an der fehlenden körperlichen Schnelligkeit. Und an der mentalen Schnelligkeit. Ich verarbeite die ganzen Daten, die am Tisch rasant passieren, nicht mehr so rasch. Die Augen lassen nach …
taz: Zipperlein, die Otto Normalverbraucher auch ab 40 plagen, aber bei einem Spitzenathleten deutlich mehr Auswirkungen zeitigen. Wird Borussia Düsseldorf ohne Timo Boll der FC Bayern München des Tischtennis bleiben? Borussia ohne Boll ist ja noch schwerer vorstellbar als ein FC Bayern ohne Thomas Müller.
Boll: Die Borussia wird weiter in führender Position bleiben. Ich bin diese Saison ja eh nicht mehr der Leistungsträger, wir stehen trotzdem ganz oben in der Tabelle (derzeit Platz 2, punktgleich mit Ochsenhausen, d. Red.). Die Zeiten, als wir das europäische Tischtennis dominiert haben, sind vermutlich vorbei, aber um die Titel werden wir auf jeden Fall auch künftig spielen.
Timo Boll, Tischtennis-Profi
taz: Seit einem Vierteljahrhundert war Timo Boll das Synonym für das deutsche Tischtennis. Obwohl die anderen Asse auch große Erfolge feiern konnten.
Boll: Es war schwer, wenn du in der deutschen Sportlandschaft über Jahrzehnte ganz oben bist, aus dem Schatten zu gelangen. Es ist generell schwer in einer Randsportart trotz famoser Leistungen Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin mit 21 Jahren die Nummer eins der Weltrangliste geworden, dennoch musste ich danach noch mehrere Jahre warten, bis der erste große Sponsor kam. Die anderen Jungs spielen gut – aber in Deutschland den medialen Durchbruch zu schaffen, ist sehr schwierig.
taz: Atmen ihre Nationalmannschaftskameraden wie Olympia-Rekordmedaillengewinner Dimitrij Ovtcharov jetzt auf, weil sie endlich aus Ihrem langen Schatten treten können?
Boll: Es gibt Trash-Talk. Ich bekomme genügend ab, teile aber auch aus (lacht). Es passt schon so.
taz: 25 Jahre absolute Weltklasse, das schafften nicht einmal die chinesischen Asse! Der WM-Titel oder Olympia-Gold blieben Ihnen aber verwehrt. Bereuen Sie irgend etwas in Ihrer Karriere?
Boll: Ich habe nie so viel von mir erwartet und bin auch nicht von Erfolgen ausgegangen. Ich bin glücklich darüber, wie meine Karriere verlaufen ist.
taz: Für mich waren Sie nicht nur wegen Ihrer Spielkunst und den Erfolgen ein leuchtendes Vorbild: Ich fand Ihre ausgesprochene Fairness an der Platte und bei der Analyse danach immer besonders beeindruckend. Lieber verloren Sie, als einen vom Schiedsrichter unbemerkten Kantenball des Gegners nicht anzuzeigen.
Boll: Am Ende habe ich das immer für mich gemacht: Ich wollte immer ein reines Gewissen haben! Das brachte mir am Ende auch viele Sympathien ein, aber letztlich habe ich das nur für mein Gewissen gemacht. Dadurch habe ich vielleicht das ein oder andere Spiel verloren – aber letztlich hat sich die Fairness schon gelohnt.
taz: Wie sehen Ihre Pläne nach dem letzten Ballwechsel aus? Bleiben Sie Ihrem Sport erhalten oder gehen Sie in Rente nach mehr als 25 Jahren Leitungssport?
Boll: Ich habe noch ein paar Partnerschaften die nächsten zwei, drei Jahre laufen. Dabei werde ich auch viel in China unterwegs sein. Ansonsten schaue ich mal nach rechts und links, danach fällt mir sicher was ein.
taz: Sie könnten in einem Optikergeschäft arbeiten, wenn Sie Tischtennis fernbleiben wollen: Der Legende nach erkennen Sie die Rotation des Balles an dem kleinen Namensaufdruck darauf. Stimmt das – oder haben die Augen selbst bei Timo Boll nach einem Vierteljahrhundert nachgelassen?
Boll: Ach, das können mittlerweile viele Spieler.
taz: Zwei letzte Fragen: Ich erinnere mich an die WM 2005 in Schanghai, an eine besondere Szene: Auf der Pressetribüne klagte eine chinesische Reporterin: „Viele chinesische Frauen sind der Meinung: Timo Boll hat viel zu früh geheiratet!“ Werden Sie die chinesischen Groupies vermissen?
Boll: Ich fand es immer spannend, dort einkaufen zu gehen und ein Superstar in China zu sein. Dauerhaft könnte ich aber so nicht leben! Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Diesbezüglich beneide ich meine chinesischen Kollegen weniger, weil sie kaum mehr raus aus dem Haus vor die Tür gehen können. Daher bin ich froh, in Deutschland ein relativ normales Leben führen zu können.
taz: Ergänzend dazu: Wer wird künftig im Tischtennis ohne Timo Boll die schönste Langnase sein? Die weiblichen Fans des ASC Grünwettersbach werden den Portugiesen Tiago Apolónia als Erben nennen. Andere ihre Nationalmannschaftskollegen Patrick Franziska. Oder „Dima“ Ovtcharov? Was meinen Sie?
Boll: Dima! (Seine Tischnachbarn und Vereinskameraden Dang Qiu und Kay Stumper lachen.) Tiago ist schon ein Frauenschwarm. Er ist jedoch auch in festen Händen. Aber letztlich müssen Sie dazu die Frauen fragen, nicht mich (lacht).
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!