: Hippologische Fragen
Im Zuge einer neuen Welle der Aufklärung im deutschen Sport ist auch der deutsche Reitsportfunktionär Gustav Rau in den Fokus geraten. Sein Einfluss in der Nazizeit ging über den eines einfachen Mitläufers wohl weit hinaus
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Von Martin Krauss
Noch gilt Gustav Rau als honorige Persönlichkeit. In Deutschland sind nach dem Hippologen und Pferdesportjournalisten etliche Straßen – etwa in Pforzheim oder in Bietigheim-Bissingen – benannt, und die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) verleiht regelmäßig die Gustav-Rau-Medaille. Das Andenken, so teilt es der Pferdesportverband der taz mit, „basiert in erster Linie auf seinen exzellenten hippologischen Fachkenntnissen und auf den Verdiensten, die er sich nach dem Zweiten Weltkrieg um Pferdesport und -zucht erworben hat“. Allerdings war Gustav Rau, der von 1880 bis 1954 lebte, schon seit der Jahrhundertwende aktiv – und erst recht ab dem Jahr 1933. Er zählte zu den „führenden Köpfen des nationalsozialistischen Pferdesports“, wie es die Historikerin Nele Fahnenbruck formuliert.
Gleichwohl hat die Reiterliche Vereinigung in der Festschrift zu ihrem 100-jährigen Bestehen geschrieben, man täte Rau „Unrecht, ihn als überzeugten Nationalsozialisten zu bezeichnen, denn wirkliches politisches Engagement lässt er niemals erkennen“. Diese Einschätzung aus dem Jahr 2005 gilt immer noch, wobei, ein bisschen Zurückrudern findet in der Festschrift sehr wohl statt: „Sein Handeln lediglich auf ein gewisses Mitläufertum zu reduzieren, wäre allerdings auch nicht angemessen“, heißt es da.
Heute verweist der Reitsportverband auf ein vor wenigen Wochen ins Leben gerufene Projekt des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), in dem die Belastung von Sportfunktionären im NS-Regime untersucht wird. „Sollte es im Rahmen dieser Studie neue Erkenntnisse geben, wird der Verband diese natürlich in angemessener Weise berücksichtigen.“ Multifunktionär Rau gehört tatsächlich zu den Personen, die vermutlich in der DOSB-Studie auftauchen werden. Die wird betreut von Jutta Braun und Berno Bahro. Die Historikerin am Potsdamer Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung und der Historiker von der Universität Potsdam haben beide eine ausgewiesen große Expertise in sportgeschichtlichen Recherchen. Möglich, dass sie einiges bislang Unbekanntes zu Rau finden. Aber an substanziellen Erkenntnissen mangelt es im Grunde nicht. Nele Fahnenbruck legte 2013 unter dem Titel „… reitet für Deutschland“ ihre Dissertation zu Pferdesport und Politik im Nationalsozialismus vor. Sie zeigt, wie gerade Begriffe wie „Reinrassigkeit“ und „Reinheit des Blutes“ von Pferden auf Menschen übertragen wurden. Gustav Rau war hier führend. Er formulierte etwa, nur bei „unvermischten Bauerngeschlechtern“ herrsche ein „Sinn für die Reinheit des Blutes in der Pferdezucht“. Fahnenbruck weist zudem nach, dass Rau nicht nur die NS-Rassenideologie propagierte. „Er war auch von Anfang dabei, als es darum ging, das ‚Führerprinzip‘ im Pferdesport durchzusetzen – und damit den systematischen Ausschluss jüdischer Pferdesportler.“
Pünktlich im Jahr 1933 war Gustav Rau Ministerialdirektor im Landwirtschaftsministerium geworden, im Juli 1933 ernannte ihn Hermann Göring persönlich zum Oberlandstallmeister. 1936 war Rau für die Olympischen Reiterspiele in Berlin verantwortlich. Im besetzten Polen, das die Nazis zum Generalgouvernement erklärten, war er ab 1939 „Beauftragter für Pferdezucht und Gestütswesen“. Nicht zuletzt baute er dort zusammen mit Hermann Fegelein, Hitlers Schwager, und Heinrich Himmler im KZ Auschwitz eine Pferdezucht auf. Die Historikerin Fahnenbruck ist überzeugt: „Selbstverständlich reichen die bisherigen Erkenntnisse aus, um eine Ehrung einzustellen.“
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung gehört jedoch zu den Sportverbänden, die sich ihrer Rolle, die sie im NS-Regime eingenommen haben, nicht stellen wollen. Auf taz-Frage heißt es dazu: „Unser Verband befindet sich gerade in einer Phase der Umstrukturierung, daher gibt es aktuell keine solchen Überlegungen. Nach den Neuwahlen im Mai wird sich das Präsidium mit der Frage einer tiefer gehenden Aufarbeitung befassen.“
Nele Fahnenbruck, Forscherin
Die Historikerin Jutta Braun ist da zumindest nicht pessimistisch: „Ich habe den Eindruck, dass seit einiger Zeit gesamtgesellschaftlich eine neue Welle der NS-Aufarbeitung stattfindet.“ Sie verweist auf etliche Bundesministerien und Kultureinrichtungen. Ebenfalls haben einige Fußballklubs ihre NS-Geschichte untersuchen lassen. „Es ist natürlich denkbar, dass sich vielleicht dann auch verschiedene Fachverbände der Thematik widmen“, sagt Jutta Braun. „Dass es also einen Dominoeffekt gibt, wie in der Behördenforschung, wo das Auswärtige Amt anfing und dann alle anderen Ministerien dem guten Beispiel folgten.“
Ob die Deutsche Reiterliche Vereinigung sich dem auch stellen wird, ist keinesfalls entschieden. Schließlich geht es nicht nur um Gustav Rau. Auch bis heute bekannte Reiternamen wie Josef Neckermann oder Fritz Thiedemann sind eng mit dem nationalsozialistischen Regime verknüpft.
Die Forscherin Nele Fahnenbruck sagt: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn die NS-Geschichte des Verbandes lückenlos, unabhängig und wissenschaftlich aufgearbeitet würde.“ Sie sieht jedoch Gründe, warum sich die Reiter hier so schwer tun. „Der Pferdesport insgesamt stand den nationalsozialistischen Organisationen oft schon vor 1933 nahe.“
Eine Aufarbeitung müsse den gesamten Pferdesport im Blick haben. Fahnenbrucks Fazit sieht so aus: „Mit der Umbenennung von Straßen und Medaillen ist es nicht getan.“
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