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KolumneDer große Dackel

Auf der Straße

Kleiner Dackel. Foto: William Crochot/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41818611

Von Joe Bauer

Wenn ich gehe, heißt das nicht, dass ich verschwinde. Ich bin zu Fuß unterwegs, täglich gut sieben Kilometer, erzählt mir der Tachometer meines Taschentelefons. Diese Strecken lege ich ohne den geringsten Ehrgeiz zurück, ergibt sich so.

Regelmäßig komme ich im Schlossgarten an einem grün-schwarzen Transparent am Schauspielhaus vorbei: „Komm weiter“, steht da in zwei Wörtern übereinander, und jedes Mal frage ich mich: Was meinen die? Vermutlich meinen sie, ich solle gefälligst darüber nachdenken, was sie meinen. Womöglich käme so mein Hirn ein Stück weiter. Das Transparent erinnert mich an unzählige Sitzungen, später Meetings genannt, in denen der Chef säuerlich ausstieß: So kommen wir nicht weiter! Bekanntlich sind das Einzige, was bei Meetings rauskommt, die Leute, die reingingen.

Überall Ikonen

Beruflich weitergekommen ist inzwischen der überregional bekannte Fußballtrainer Jürgen Klopp. Nach seinem Abschied vom FC Liverpool wird er bei einem österreichischen Abfüller koffeinhaltiger Plörre als „Global Head of Soccer“ einsteigen. Soccer verwechselt man hierzulande leicht mal mit Sucker. Unabhängig davon war unter rechtschaffenen Fans die Empörung über dieses Engagement so gewaltig, dass mir beim Lesen der Nachricht meine Red-Bull-Dose aus der Hand fiel. Werde aus Protest künftig nur noch Coca-Cola trinken. Bis der Kapitalismus mangels Wasser ausgetrocknet ist.

Es wäre nicht ganz fair, Klopp als It-Girl des Männerfußballs zu bezeichnen. Auf dem Gebiet fußballerischen Weiterkommens hat er ja einiges geleistet. Seine mediale Dauerpräsenz als guter Mensch hat aber ebenso dazu beigetragen, ihn als „Ikone“ zu feiern, wie sein markenfressendes Grinsgesicht mit blütenweißem Laborgebiss (strahlt noch glanzvoller als die Blendax-Maske des Stuttgarter Rathäuslers Nopper). Nebenbei: Das Wort Ikone geht mir mächtig auf den Zeiger, seit jede Popsängerin, deren Liedchen zweimal im Radio zu hören war, als solche gehandelt wird. Auf einer Litfaßsäule vor meiner Haustür wirbt eine Textilfirma für eine „ikonische 3-in-1-Jacke“. Bei derart inflationär ausgetretener Wortkacke verzichtet man gern auf weitere Heilige.

Fußballtrainer auf Weltniveau gehören nicht zwingend zu meinem Stadtspaziergänger-Stoff, schon weil ich nie über die Dimension „Stuttgarter Kickers“ hinausgekommen bin. Dummerweise jedoch ist Klopp in meinem Bierdeckelradius geboren: 1967 in Stuttgart. Zur Schule ging er in Freudenstadt im Schwarzwald. Und wie es in diesem Dschungel zugeht, lässt sich in „Black Forest“, Wolfgang Schorlaus neuem Krimi, nachlesen. Anscheinend sind im Schwarzwald die Schurken auch nicht besser als in Österreich, wo besagter Dosenkonzern mit seinem Sender „Servus TV“ politischen Führungsspielern auf Rechtsaußen eine Propagandaplattform bietet.

Fußball aber ist nicht unser einziges Leben, und so ziehe ich weiter durch die Stadt, immer öfter mit dem Gedanken, das ewige Weiterkommen auf den Straßen endgültig einzustellen. Ich werde müde angesichts der Weltlage, die ein böses Ende verspricht, wessen Ende auch immer. Zwar folge ich weiter meinem Mantra „Besser zu weit gehen als gar nicht“. Aber altersbedingt müsste es selbst in CDU-Kreisen als „reguläre“ und „legale“ Migration durchgehen, wenn ich mich demnächst einfach auf den Arsch setze nach dem Motto: Hier bin ich, hier bleibe ich, ihr hohlen, menschenverachtenden Dosenköpfe.

Diese Idee erscheint mir umso reizvoller, seit ich Dinçer Güçyeters Roman „Unser Deutschlandmärchen“ lese. Der Dichter, in Nettetal/Nordrhein-Westfalen geboren, gelernter Werkzeugmacher, sponsert sein literarisches Weiterkommen seit Jahren mit seiner Maloche als Gabelstaplerfahrer. 2023 wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Im Kapitel „Der Troll und sein Dumbo“ seiner biografischen Geschichte einer türkischen Gastarbeiterfamilie blieb ich an dieser Stelle hängen: „Wenn die Langeweile zu groß wurde, setzte ich mich auf das Klosett, öffnete das Badezimmerfenster, schaute verträumt auf den großen Parkplatz. Hier passierten oft seltsame Dinge. Männer in schwarzen Mänteln trafen sich, rauchten lange und krumme Zigaretten, der Parkplatz war eingerahmt von Bäumen, manchmal gingen diese Männer mit einer Frau hinter die Bäume, alles ein wenig mysteriös.“

Die Welt vor dem Klofenster

Verdammt, sage ich mir, das ist die Lösung: Du musst nicht mehr herumgehen, du setzt dich auf deine Kloschüssel und beobachtest die Welt durchs Fenster. Schwäche zeigt dieser Plan nur, weil ich durch mein Klofenster nichts sehen kann, rein gar nichts. Das ist schade, weil ich mir sicher bin, dass auch da draußen ständig seltsame Dinge passieren. Könnte ich was sehen, hätte ich, sobald ich den Spülknopf drücke, genügend Material für eine Kolumne.

Da die WC-Nummer aus architektonischen Gründen nicht funktioniert, gehe ich vorerst weiter hinaus, egal, wo ich ankomme. In der S-Bahn-Ebene im Westen der Stadt erfahre ich via Werbebildschirm nicht nur von Klopps Globalkopf-Coup in der Soccer-Branche. An den Wänden hinter den Gleisen stehen Namen von Ikonen, die nicht dem Fußball, sondern der bildenden Kunst zugeordnet werden. Im Dienste der Staatsgalerie haben für diese Untergrund-Schilder ikonenhafte Reklamedichter im Leistungsfach „Alliteration“ alles herausgeholt, was der Stabreim an verbaler Ballerei hergibt: „Von Pinsel bis Pixel“, „Von Akt bis Aktion“, „Von Beuys bis Barock“, „Von Monet bis Moderne“ usw. Vermisst habe ich angesichts der allgemeinen Event-Aktionitis in Museen den Knaller „Von Kandinsky bis Karaoke“.

Erinnerungen in mir weckte der Staatsgalerie-Slogan „Von Picasso bis Pop“. Auch in Picassos Leben finden wir, wenn auch nicht so leicht wie bei King Klopp, Stuttgart-Bezüge. Zu den Männern, die einst Picassos Weiterkommen ermöglichten, gehört der legendäre Galerist und Kunsthistoriker Daniel-Henry Kahnweiler. 1884 in Mannheim geboren, verbrachte er als Kind und Jugendlicher zwölf Jahre in Stuttgart. Er besuchte das Realgymnasium, das heutige Dillmann-Gymnasium in der Forststraße im Westen. Nach der Mittleren Reife verließ er die Schule, absolvierte in Frankfurt eine Banklehre und ließ sich später in Paris nieder. 1911 unterzeichnete er seinen ersten Vertrag mit Picasso. Die erste Retrospektive des Künstlers in Deutschland war nach Stationen in München und Köln 1913 auch in Stuttgart zu sehen. Dank einer klugen Einkaufspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg ist Picasso heute in der Staatsgalerie stark vertreten.

Der Hund, der einen Picasso fraß

Picasso war übrigens nicht überall eine gefeierte Ikone. Die Berliner Satiriker John Heartfield und George Grosz kritisierten ihn anfangs als „unpolitisch“; Grosz veräppelte ihn als „Pipencasserich“ und „Pipencasso“. Nicht unbedingt Pop, aber putzig. Dass ihn die Nazis später als „Pinsel Israels“ verhöhnten, liegt auf der Hand. Picasso hatte 1937, nach der Zerstörung der Stadt Guernica durch einen Luftangriff der deutschen Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg, das gleichnamige (vormals zweifellos ikonische) Gemälde geschaffen.

Und es gibt noch eine Stuttgarter Picasso-Geschichte, die ich früher schon erzählt habe, allerdings nicht in dieser Kolumne. Der absolute Lieblingshund des spanischen Künstlers war ein Dackel namens Lump. Der legendäre US-amerikanische Fotograf und Kriegsreporter David Douglas Duncan, der auch für Daimler arbeitete, hatte ihn einst bei einer Stuttgarter Familie erworben. Als er mit ihm 1957 seinen Freund Picasso in Frankreich besuchte, lief der Dachshund sofort schwanzwedelnd zu dem Künstler über. Er durfte bei ihm bleiben – und ungestraft Picassos Werke anpissen und bei Bedarf auch mal auffressen. 2006 veröffentlichte Duncan – er starb 2018 mit 102 Jahren – den Bildband „The Dog who ate a Picasso“; vor Jahren habe ich ihn mir besorgt. So erfuhr ich auch von einer unglaublichen tiermedizinischen Rettungsaktion, die Lump in einem Mercedes SL 300 Gullwing noch einmal nach Stuttgart und wieder zurück nach Frankreich führte.

Wenn heute jemand zu Recht eine Ikone genannt werden darf, dann Lump, der auch in Picassos Werken auftaucht. Weiter kann auf dieser Welt kein anderer Dackel kommen.

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