Politik: Schon heute teuer
Der Klimawandel kostet – und zwar schon jetzt. Die Stuttgarter Verwaltung sucht neues Personal, das sich um den dürregeschädigten Baumbestand kümmern soll. Parallel dazu wachsen die Zweifel, ob es klappt mit der Klimaneutralität bis 2035.
Von Korbinian Strohhuber
Na, und welcher Klimatyp sind Sie? Wer das schon immer einmal über sich selbst wissen wollte, findet einen Persönlichkeitstest bei der Stuttgarter Kampagne „JetztKliMachen“. Auf Grundlage von 23 mehr oder weniger seriösen Fragen wird man dann zum Beispiel zum „naturverbundenen Klimatyp“, den das Draußensein erdet und den Hitze wie Regen offenbar nicht aufhalten. Für den „idealistischen Klimatyp“ – stets bemüht, den eigenen CO2-Ausstoß zu minimieren – empfiehlt das Portal einen „Lifehack“: statt Kisten schleppen auch mal Leitungswasser trinken. Denn: „Jetzt machen wir gemeinsam was fürs Klima!“, lautet das Motto.
Da drängt natürlich die Frage: Welcher Klimatyp wäre wohl die Stadt Stuttgart? Vielleicht die „ambitioniert Scheiternde“. Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) kündigte zwar beim Amtsantritt an, er werde „beim Klimaschutz aufs Gaspedal drücken“. Und vor knapp zwei Jahren beschloss die Stadt, bis 2035 klimaneutral zu werden, 95 Prozent der Treibhausgase im Vergleich zu 1990 sollen bis dahin eingespart werden. Dass dieses Ziel möglich sei, bescheinigte die Beratungsfirma McKinsey. Allerdings würde die Umsetzung elf Milliarden Euro kosten und müsste zügig vorangehen.
Nicht nur das nötige Kleingeld aufzutreiben entpuppt sich als Herausforderung. Die Stuttgarter Beratungsfirma Drees & Sommer hat die Organisationsstruktur der Stuttgarter Verwaltung untersucht und dazu einen 90-seitigen Bericht vorgelegt. Darin heißt es: „Eine fehlende sektor- bzw. referatsübergreifende Koordination, unklare Schnittstellen bzw. Zuständigkeiten, redundante Aufgabenverteilungen sowie nicht einheitliche Kommunikationsformate führen zu Ineffizienzen in den täglichen Arbeitsabläufen.“ Eigentlich wäre eine „verwaltungsinterne Zusammenarbeit der Schlüssel für die Umsetzung der Querschnittsaufgabe“ Klimaschutz. Laut Drees & Sommer gebe es aber „persönliche Konflikte, die die Zusammenarbeit beeinträchtigen“ und eine „nicht ausreichende Anerkennung der Stabstelle Klimaschutz auf Fachebene“.
Dass die Stuttgarter Verwaltung mit Problemen zu kämpfen hat, ist ein offenes Geheimnis: angefangen mit einem eklatanten Personalmangel, mehrere Tausend Stellen sind nicht besetzt. Daneben gebe es laut Stadtrat Hannes Rockenbauch (SÖS) Schwierigkeiten mit den historisch gewachsenen Strukturen in der Verwaltung. Eine zentrale Ordnung zur Koordinierung von Klimaschutzmaßnahmen fehle. Das habe schon damit begonnen, als die Stadt 2003 die Energie- und Wärmeversorgung privatisierte und ihre Anteile an den Neckarwerken Stuttgart an die EnBW abtrat. Das Amt für Umweltschutz habe „als Lückenfüller“ Kompetenzen für eine Energiewende aufgebaut, die in anderen Städten bei den Stadtwerken geblieben sind. 2011 hat Stuttgart dann wieder eigene Stadtwerke als kommunalen Strom- und Gasversorger gegründet – und eine Nebenfolge ist ein Flickenteppich an Zuständigkeiten.
Hinzu komme laut Rockenbauch, dass die Stabstelle für den Klimaschutz zu klein sei, bei der Mobilität sei man in Stuttgart ohnehin hinterher. „Man kommt einfach nicht in die Pötte“, urteilt der Stadtrat. Er wünscht sich eine „Klimakämmerei“, die neben einem Geldbudget bei der Haushaltsplanung auch ein Budget für Treibhausgase aufstelle. Dieses sollte dann von Jahr zu Jahr schrumpfen und jede von der Stadt beschlossene Maßnahme auf deren Verträglichkeit mit dem Treibhausgasbudget abgeglichen werden.
Das Zwei-Grad-Ziel hat Stuttgart schon verfehlt
In die Pötte zu kommen wäre auch deswegen wichtig, weil sich die Folgen des Klimawandels bereits bemerkbar machen. Zwischen den Jahren 2000 und 2021 sei bundesweit ein Schaden von mindestens 145 Milliarden Euro aufgrund des Klimawandels entstanden, bilanziert eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. Bis 2050 wird der Klimawandel Deutschland demnach weitere 280 bis 900 Milliarden Euro kosten. Die Schäden durch Hitze, Extremniederschläge und Überschwemmungen sind vielseitig: weggespülte Häuser, ausfallende Lieferketten, hitzebedingte Todesfälle. Temperaturen von über 30 Grad tagsüber und 24 Grad in der Nacht beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit und den Schlaf – eine Körpertemperatur von über 41 Grad ist lebensgefährlich.
Im Stuttgarter Kessel nimmt die Zahl der Hitzetage über die Jahre betrachtet zu und die Durchschnittstemperatur steigt. Das Zwei-Grad-Ziel im Vergleich zur Vorindustrialisierungszeit hat die baden-württembergische Landeshauptstadt bereits gerissen, wie ein Blick auf die Entwicklung der Jahresdurchschnittstemperaturen zeigt. Dokumente der Stadt zum Stand von Energiewende und Klimaschutz heben dagegen Erfolgsmeldungen hervor: 2023 war Rekordjahr für den Ausbau von Solarenergie, heißt es im Abschlussbericht des Klima-Aktionsprogramms, das 2019 auf den Weg gebracht und vom Klima-Fahrplan 2035 abgelöst wurde. Im Vorwort zum Energie- und Klimaschutzbericht lobt der grüne Baubürgermeister Peter Pätzold bisherige Entwicklungen – so sei beispielsweise der CO2-Ausstoß 2022 im Vergleich zu 1990 um fast die Hälfte reduziert worden. Er merkt aber auch an: „Trotzdem liegt Stuttgart im Jahr 2022 über dem Zielwert nach dem Reduktionspfad. Dies unterstreicht deutlich die Notwendigkeit zur Intensivierung der Energieeinsparung und des Klimaschutzes.“
Die Folgen des Klimawandels bekommen nicht nur Menschen zu spüren. Stumme Zeugen sind Bäume. Vergangene Woche ging eine Meldung durch die Presse, als Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) die Ergebnisse der Bundeswaldinventur vorstellte: Die deutschen Wälder, die immerhin fast ein Drittel der Landesfläche ausmachen, geben seit 2017 mehr CO2 ab als sie speichern. Das sei unter anderem zurückzuführen auf „den klimawandelbedingten verminderten Zuwachs“.
Vor Kurzem beschloss der Stuttgarter Gemeinderat die „Herstellung der rechtssicheren Verkehrssicherheit der durch den Klimawandel stark geschädigten Stadtbäume“. Über 1,3 Millionen Euro gibt die Landeshauptstadt für neues Personal im Garten-, Friedhofs- und Forstamt aus. Die zusätzlichen Mitarbeiter:innen sollen – so sie gefunden werden – helfen, die über 150.000 Bäume im städtischen Gebiet zu kontrollieren. „Seit den klimabedingten Dürren ab dem Jahr 2018 sterben vermehrt Stadtbäume ab oder bilden starke Totäste aus“, heißt es in der Begründung zur Beschlussvorlage. Zudem würde der Klimawandel Parasiten begünstigen, welche die durch Trockenheit geschwächten Bäume stark schädigen, weshalb Baumkontrollen häufiger als üblich durchgeführt werden müssten. Dieser verhältnismäßig kleine Posten im Haushalt lässt nur erahnen, welche Schäden und Kosten in Zukunft auf die Stadt zukommen.
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