Das Bildglück des Unentschiedenen

AUSSTELLUNG Das warme Licht weist die Richtung: Das beeindruckende Werk des französischen Malers Claude Lorrain (1600–1682) ist zurzeit in Frankfurt zu sehen

Wer immer sich in den europäischen Malerei-Museen in die Säle mit der Kunst des 17. Jahrhunderts verirrt, wird an den Werken dreier um 1600 geborenen Großmaler kaum vorbeikommen: Claude Lorrain genau 1600; Nicolaus Poussin ein bisschen früher, 1594; Rembrandt van Rijn ein bisschen später, 1606. Allein dieser Zufall von Großnamenshäufungen um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zeigt, welche künstlerische Wende der großen historischen Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert vorausging, wenn es dann Zusammenhänge zwischen Wenden in der Kunst und denen in der Gesellschaft gibt.

Doch solche Bezüge müssen gar nicht geknüpft werden. Auch die ganz realen Schrecken der religiösen Bürgerkriege wurden für die Maler zum Bild, wenn auch, wie es damals hieß, „idealisch“ überhöht. So malte Claude Gillée, genannt Lorrain, seine ungewöhnlich großformatige „Anbetung des Goldenen Kalbes“ (1653) als eine Anbetungsorgie, als einen konfessionellen Konflikt, der durchaus, die drohenden Wolken im Hintergrund weisen darauf hin, zur gewaltsamen Lösung der religiösen Differenzen hätte einladen können. Und doch gibt es ein „wahres“, zumindest sehr warmes Abendlicht, das die Richtung weist.

Autonome Darstellung

In der Ausstellung im Frankfurter Städel Museum sind Lorrains Gemälde in chronologischer Reihung zu sehen. Es lässt sich nachvollziehen, wie der Auftrag an den Maler, eine biblische oder aus der antiken Sagenwelt stammende Szene nachzustellen, immer weiter zurückwich gegenüber einer von solchen Vorgaben befreiten autonomen Landschafts- oder Stadtdarstellung. Und besonders spannend ist es, in dieser Schau zu prüfen, wie sich diese bildnerische Emanzipation im zeichnerischen und druckgrafischen Werk vorwegnehmend entwickelt.

Im 18. Jahrhundert pflegten höfische Gesellschaften mit speziellen Claude-Lorrain-Spiegeln auf ihre Parks zu blicken, damit das Lorrain-Gefühl sich einstelle, dieses Hinüberwechseln ins Klassische

Selbstverständlich: sein Bild „Anbetung“ aus dem Jahre 1653 zeigt auch, dass Lorrain die ein Jahrhundert zuvor entstandene „Anbetung“ Raffaels gekannt haben muss. Aber wundersamer ist, das zeigen die Zeichnungen und Vorstudien für das Gemälde, wie sich Lorrain über Jahrzehnte hinweg an die Endfassung herantastet. In den Zeichnungen ist zum Beispiel die Gruppe der entblößten Tänzerinnen anfangs ganz in den Vordergrund gerückt, um dann in der Schlussfassung eher zurückzutreten. Sie machen dem eigentlichen Zentrum des Dramas (nicht des Bildes) Platz: dem Zusammenprall von Gewitter und Berg Sinai. Es gehört zum besonderen Reiz dieser Schau, dass durch die Konfrontation des grafischen mit dem malerischen Werk dies auch als ein work in progress sichtbar wird.

Claude Lorrain war und ist kein vergessener Maler. Im achtzehnten Jahrhundert pflegten höfische Gesellschaften mit speziellen Claude-Spiegeln auf die Landschaften ihrer Parks zu blicken, damit das Lorrain-Gefühl sich einstelle, dieses Hinüberwechseln ins Klassische. Das gilt noch einmal und besonders für die Hafen- und Seestücke. Sonnenüberstrahlte Häfen erwecken das Inbild von Ausfahrt oder Heimkunft. Die Betrachter können nur an der Richtung, in der die auf Topp gesetzten Wimpel flattern, erkennen, ob es sich um eine Morgen- oder Abendszene handelt, ob Seewind oder Landwind herrscht. Auch klassizistische Idealität und Offenheit verlangen nach kundigem Blick, um zu verstehen, ob das Abenteuer vorbei ist oder noch bevorsteht.

Oder ist die Landung selbst das Abenteuer? In der „Ansicht von Karthago mit Dido und Aeneas“ aus den Jahren 1675/76, seiner letzten Hafenszene, ist es ungewiss, ob die Ausfahrt noch einmal gelingen will, nachdem Aeneas von „des Meeres und der Liebe Wellen“ zunächst in den Hafen von Karthago und dann in die Arme der Königin Dido getrieben worden war.

Dies alles ließe sich, wie es der kluge Katalog der Kuratoren Martin Sonnabend (Städel Museum) und Jon Whiteley (Ashomolean-Museum, Oxford) anhand der Vergil’schen „Aeneis“ auch tut, sehr wohl und stichhaltig diskutieren. Vielleicht aber erweist sich die Qualität dieser Ausstellung gerade jenseits ihres kunsthistorisch-ikonografischen Bannens.

Düstere Wolken

Wohl gilt dies auch für Lorrains Spätwerk „Landschaft mit Ascanius, den Hirsch der Silvia erlegend“ aus dem Jahre 1682: Der Sohn des Aeneas erlegt dort einen der gezähmten Hirsche der Silvia, indem er – wenig waidgerecht – über ein Flusstal hinwegschießt. Auch hier wieder der Kontrast: düstere, bedrohliche Wolken über dem Ort des Frevels, helles Licht über dem Ort des Täters.

Mit solchen Bildern, mit der Darstellung von etwas Unbestimmbarem vor Augen, könnte der Wunsch auftreten, dies zur Heimat haben zu wollen. Auch wenn allen Betrachtern nur zu bewusst sein dürfte, dass eine solche Sphäre sich stets entziehen wird.