DAS ENDE DER TÜRKISCHEN WESTWANDERUNG

Die Uhren in Istanbul sollen künftig wie in Teheran ticken

VON JÜRGEN GOTTSCHLICH

NEBENSACHEN AUS ISTANBUL

Eine der ausdauerndsten Debatten, die in der Türkei geführt werden, ist die über die eigene Identität. Osten oder Westen, Orient oder Okzident, ist eine Frage, die sich seit mehr als 150 Jahren stellt. Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Osmanen, sich nach Westen auszurichten. Ein für jeden Istanbulbesucher sichtbares Monument dieser Bemühungen ist der Sultanspalast am Bosporus.

Das Schloss Dolmabahce sieht aus wie eine Mischung aus Versailles und einem Traum aus 1001 Nacht. Das ist kein Zufall. Das osmanische Herrscherhaus wünschte sich eine Behausung, die denjenigen der europäischen Kollegen ähnlich sah, ohne die wichtigsten Charakteristika eines Sultanspalasts aufzugeben: den getrennten Frauenbereich und den Harem. Darauf mussten die Architekten von Dolmabahce Rücksicht nehmen.

Mit Gründung der türkischen Republik 1923 schien sich der Weg der Türkei nach Westen zu vollenden. Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk proklamierte die westliche Zivilisation als die einzig wahre Art des Zusammenlebens und tat alles dafür, dass die neue Türkei ein Teil davon wurde. Doch trotz großer Anstrengungen blieb immer ein Rest Fremdheit. Warum sollte man keinen Fes mehr tragen und warum sollten Frauen das allgemeine Wahlrecht bekommen?

Für Europa wurde das Land zur Brücke zwischen Ost und West. Doch wer will schon auf einer Brücke leben? Zu Beginn des neuen Jahrtausends machte das Land einen neuen Anlauf, um das westliche Ufer zu erreichen. Ausgerechnet eine islamisch grundierte Regierung setzte sich für die Aufnahme in der EU ein.

Doch jetzt scheint es, als würde die Westwanderung der Türken auf ihr Ende zugehen. Nicht nur die Lage in Griechenland schreckt ab, Europa insgesamt verliert an Glanz. Nach zehn Jahren Wachstum fühlen sich viele Türken auch ohne die EU stark genug. Manche sind gar der Meinung, die EU würde die Türkei mehr brauchen als umgekehrt.

Parlamentarier aus der regierenden AKP haben jetzt einen höchst symbolträchtigen Vorschlag gemacht. Man will die Uhr zurückdrehen, die Türkei soll nach östlicher Zeit ticken. Die Datumsgrenze verläuft jetzt relativ weit im Westen, der Zeitunterschied zu Berlin beträgt eine Stunde. Doch das Land ist groß. Die nächste Zeitzone streift noch den östlichen Rand der Türkei. Die Abgeordneten wollen, dass künftig hier die Zeit für das gesamte Land genommen werden soll. Dann wäre man in der gleichen Zeitzone wie der Iran. Wenn das kein Statement ist.