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Archiv-Artikel

Arbeit an Erleuchtung

Der Fotograf Anton Corbijn gilt als fünftes Bandmitglied von U2. Zu Recht, wie eine Ausstellung in der Galerie C/O Berlin erkennen lässt. Das Geheimnis von Bono, seine verletzbare und feminine Seite, ist auch ein Produkt Corbijns

„Also Leute“, so etwas Ähnliches könnte der junge und noch unbekannte Fotograf Anton Corbijn damals, 1982, zu den noch unbekannten Jungs von U2 gesagt haben, „ich habe das alles vor mir, den kompletten Look für euch in den nächsten 22 Jahren. Die düstere Phase, die bunte Periode danach, und ich weiß auch schon, wie man das alles bestens mit schwarzen Sonnenbrillen kombinieren kann.“

Corbijn schreibt in einem kleinen Einführungstext zu seiner Arbeit mit der Band U2, die er nun seit 23 Jahren fotografisch begleitet und inszeniert, dass er die ikonografischen Wandlungsprozesse der irischen Band von Anfang an geplant und am Reißbrett entworfen hätte. Und das war noch weit vor Platten wie „Joshua Tree“, noch bevor irgendjemand ahnen konnte, dass aus dieser hoffnungsvollen Rockband einmal diese global agierende Superfirma U2 werden wird. Entweder ist Corbijn komplett größenwahnsinnig, ein zweiter Malcolm MacLaren oder einfach nur ein Genie.

Wahrscheinlich ist er alles zusammen. Die Frage, ob es U2 auch ohne den 1955 in der Niederlande geborenen Rockfotografen derart weit geschafft hätten, lässt sich nachträglich nicht mehr beantworten. Anton Corbijn gilt auch dank Arbeiten für REM, Depeche Mode oder Herbert Grönemeyer als einer der Größten seines Fachs. Mit Sicherheit sagen lässt sich jedoch, dass die Fotos von Corbijn, die auch die wichtigsten Cover von U2-Platten schmückten, der Karriere der Band bestimmt nicht geschadet haben.

Was Corbijn mit der Behauptung seines früh entworfenen Masterplans eben deutlich machen will ist, dass er sich nicht bloß als dahergelaufenen Mietfotografen versteht, sondern dass er tatsächlich so etwas wie das fünfte Mitglied der Band ist, ein Autor ihres Gestus, der Unsichtbare hinter den Kulissen, dessen Instrument eben keine Gitarre, sondern der Fotoapparat ist. Die Ausstellung heißt ja auch nicht umsonst „U2 & I“. Wobei angemerkt werden kann, dass Corbijn Bono und seinen Kollegen damals vorgeschlagen haben soll, sich doch lieber „I“ zu nennen, nun nennt er sich eben selbst so.

Was gleich auffällt an den Fotos seiner Ausstellung in der Galerie C/O Berlin, ist der deutliche Unterschied zu dem Bono, wie man ihn im Fernsehen sieht, wo er nicht von Corbijn mit einer Aura eingekleidet wurde. Im Fernsehen erscheint Bono nicht selten wie jemand, der in seine Rockstarpose geschlüpft ist wie in einen schlecht sitzenden Anzug. Das Predigerhafte! Die schlimme Sonnenbrille! Auf Corbijns Fotos dagegen wirkt Bono – und natürlich widmet sich Corbijn hauptsächlich dem Kopf der Band – interessant. Wie ein Macho, der aber eine feminine Seite hat. Oder wie ein verletzbarer Rockstar voller Geheimnisse. Sogar bei Bonos notorischen Jesusposen hat man das Gefühl, den Mann erleuchte vielleicht wirklich etwas.

Obwohl Corbijns Fotos meist wie nebenbei aufgenommen wirken, machen sie jedoch um ihre Inszeniertheit kein Geheimnis. Am deutlichsten wird dies auf der schönen Aufnahme „Bath“ aus dem Jahr 1992. Bono liegt hier in einem Schaumbad, neben ihm ein laufender Fernseher, in der einen Hand hält er ein Sektglas, in der anderen eine Zigarette, die Schampusflasche steht in Greifnähe. Man meint, dieses Bild bereits zu kennen. Bono schlüpft hier in die Rockstar-Macho-Pose schlechthin, aber gleichzeitig auch in die klassische Rolle einer Hollywood-Diva. Seine Beine sind leicht geöffnet, Bono wirkt hier auch wie eine Frau. All diese Bedeutungen in einem einzigen Foto unterzubringen, muss Bono und Corbijn viel Arbeit gekostet haben, Arbeit, die sich gelohnt hat.

Überall lassen sich diese Bedeutungen in Corbijns Bildern finden. Er fotografiert Bono mit zwei Fischen in den Händen, neben einem Marienbild, neben einer Engelstatue und wird durch diese biblischen Symboliken dem Bonos Bedürfnis gerecht, sich als Wiederkehrer von Jesus zu verstehen. Oder ein schlichtes Foto, auf dem sich Bono und Salman Rushdie tief in die Augen blicken, während sie ihre Brillen getauscht haben. Bono trägt die Intellektuellenbrille, Rushdie die Sonnenbrille des Rockers. Perfekter lässt sich in diesem symbolischen Tausch das Bedürfnis der beiden, gern etwas vom jeweils anderem zu inkorporieren, kaum ausdrücken.

Was bleiben wird von dieser Ausstellung ist das Gefühl, dass Bono wohl doch ein okayer Typ ist. Wenn man ihn demnächst wieder im Fernsehen sehen muss und wieder peinlich berührt von seinem Auftritt sein wird, sollte man einfach die Augen schließen und sich vorstellen, wie Corbijn diesen Augenblick jetzt eingefangen hätte.

Anton Corbijn: „U2 & I“, Fotografien. Galerie C/O Berlin, Linienstr. 144, 10115 Berlin. Bis 17. Juli, täglich 11–21 Uhr