: Arme Schweine
Über 1.000 Beschäftigte der deutschen Schlachthofindustrie sind mit dem Corona-Virus infiziert. Gewerkschafter Elwis Capece kennt die Verhältnisse und wundert sich über die Verwunderung.
Interview von Helmut Reinhardt und Pit Wuhrer
Elwis Capece von der NGG weiß, wovon er spricht. Seit mehr als 15 Jahren mit der Fleischindustrie, so lange kennt er Müller-Fleisch in Birkenfeld, so lange kritisiert er das System. Und dann kommt Minister Peter Hauk, setzt sich vor die Mikrofone und behauptet, Firma und der neuapostolische Landrat hätten alles richtig gemacht. Dieser Hauk, sagt Capece, sei ein schlimmer Lobbyist, ohne Ahnung von den realen Zuständen.
Herr Capece, anlässlich der Corona-Infektionen unter Schlachthofbeschäftigten ist viel über die Fleischindustrie zu lesen. Sind die Zustände so schlimm, wie berichtet wird?
Ja. Und schlimm daran ist auch, dass die Bedingungen nicht erst seit gestern miserabel sind, aber die breite Öffentlichkeit nicht auf uns gehört hat.Wo gibt es die größten Probleme?
Es brennen zwei Bereiche. Vordergründig sind es die Wohnverhältnisse, die jetzt auch in den Mittelpunkt des medialen Interesses gerückt sind: zu viele Leute in kleinen vergammelten Zimmern mit schlecht funktionierenden sanitären Einrichtungen. Und das andere sind die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten, die vielfach aus Ost- oder Südosteuropa kommen und hier für wenige Monate sehr hart arbeiten müssen.
Sie waren vor kurzem vor Ort bei Müller-Fleisch, einem großen Schlachtunternehmen bei Pforzheim. Was war Ihr Eindruck?
Wir haben einen Blick auf das Fleischwerk geworfen, konnten aber nicht hinein. Und wir haben mit den Beschäftigten Gespräche geführt, allerdings durften wir auch die Wohnungen nicht betreten. Doch gesehen haben wir genug. Da gibt es beispielsweise sehr alte ehemalige Gasthäuser, die eine Handvoll Fremdenzimmer hatten und jetzt vier oder fünf Zimmer vermieten. An den Briefkästen stehen um die 30 Namen.
Über die Arbeits- und Wohnbedingungen weiß man seit langem Bescheid – und nicht erst, seit Wolfgang Schorlau 2014 einen Krimibestseller darüber geschrieben hat. Trotzdem ist nichts passiert. Warum?
Es hat jetzt tatsächlich erst diese Pandemie gebraucht, um die Politik zum Einschreiten zu bewegen. Dann und wann gab es leichte Korrekturen, hin und wieder auch eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen, aber die Erklärungen haben sich allesamt als Papiertiger erwiesen. Insofern ist das Geschrei der großen Fleischbarone, man würde jetzt von heute auf morgen ihre Unternehmen platt machen, ziemlich verlogen.
In der jetzigen Diskussion hat sich die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen kritisch über die Zustände geäußert, von der baden-württembergischen war lange nichts zu hören.
Das ist skandalös. Hier geht es ja nicht um eine Landesregierung, die nur aus einer konservativen Partei besteht, im Gegenteil: Der Ministerpräsident hat ein grünes Parteibuch. Von den Grünen erwarte ich, dass sie schon aus rein ethischen und ökologischen Gesichtspunkten ein System ablehnen, in dem Tier und Menschen ausgebeutet werden. Aber dazu hätten sie mit der Wirtschaft in den Clinch gehen müssen.
Das ungekürzte Gespräch ist zu lesen unter www.kontextwochenzeitung.de
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen