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Boni für die Namenlosen!

Mehr als 600.000 Menschen arbeiten in ­Deutschlands Gebäudereiniger-Branche. Das sind die, die im einheitlichen Outfit mit Firmenlogo durch Gänge und Büros wuseln. Unsichtbar nachts, auch untertags kaum beachtet. Dabei sind sie ganz und gar unverzichtbar. Immer. Nicht nur in Gesundheitskrisen.

Drei, die – in der Regel unbemerkt – durch den Plenarsaal des Landtags von Baden-Württemberg wischen. Foto: Jens Volle

Von Johanna Henkel-Waidhofer↓

Sie heißen Birgül oder Özlem, Milena, Berisha, Vasil oder Said. Sie sind schnell, manchmal vielleicht auch ein bisschen langsamer, weil der karge Lohn pro Stunde sonst gar nicht reicht. Vorübergehenden sind sie selten ein Lächeln wert, von einem freundlichen ganz zu schweigen. Kaum jemand könnte den vollen Namen nennen. Weshalb Phantasieanreden zwar üblich sind, aber nicht lustig.

In Privathaushalten blüht die Schwarzarbeit, wie einschlägige Untersuchungen zuhauf zeigen. Bis zu 90 Prozent der Frauen arbeiten an Fiskus und Rentenkassen vorbei. Das „Handelsblatt“ hat sich der heiklen Thematik angenommen unter der schönen Überschrift „Wann Putzhilfen Probleme machen“. Und der zweite Hammer folgt auf dem Fuße: „Wenn die gute Seele von der Leiter fällt, wird das unschön.“ Denn dann fliege meist „die gesamte Schwarzbeschäftigung auf“. Zudem müsse „dann die Hausdame ihrer verletzten Putzhilfe Arzt, Krankenhaus, Arznei-, Verbands- und Hilfsmittel zahlen“. Hausdame? Ihrer Putzhilfe? Ach, wäre es nur Satire.

Hygienische Herausforderung in jedem Lehrerzimmer

Stattdessen die harte Realität: Der Jahres­umsatz der einschlägigen Unternehmen in der Republik beläuft sich auf rund 18 Milliarden Euro. „Die Beschäftigten in der Gebäudereinigung stehen mit an vorderster Front beim Kampf gegen die Corona-Pandemie“, schreibt die zuständige IG Bau, Agrar und Umwelt in einer aktuellen Stellungnahme, „denn sie geben medizinischem Personal die notwendige Rückdeckung, sorgen für eine hygienisch saubere Umgebung in Schulen, Verwaltungsgebäuden, Wirtschaftsbetrieben und tragen damit ganz wesentlich zum Arbeitsschutz für Beschäftigte aller Branchen sowie Nutzerinnen und Nutzern der unterschiedlichsten Einrichtungen bei.“ Selten sei der hohe Stellenwert von Sauberkeit und Hygiene so deutlich geworden wie jetzt.

Was sich in der Wertschätzung noch nicht niedergeschlagen hat. Die Corona-HeldInnen sind andere, von Bonuszahlungen ist keine Rede, trotz der neuen Komplexität in diesem Beruf. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat sogar ein Gutachten dazu vorgelegt. „In der Pandemie kommt eine Aufgabe zur Geltung, die lange Zeit wenig Beachtung gefunden hat“, schreiben die AutorInnen, „denn das Arbeitsschutz­gesetz verlangt vom Arbeitgeber, den Stand der Hygiene zu beachten.“ Damit seien die jeweils aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft gemeint. Und es geht keineswegs nur um die Abstandsregeln, sondern gerade um die Unterschiede zwischen Reinigen und Desinfizieren.

„Unter Reinigung wird ein Prozess zur Entfernung von Staub, chemischen Substanzen oder Mikroorganismen unter Verwendung von Wasser mit verstärkenden Zusätzen verstanden“, heißt es in einer RKI-Handreichung. Desinfektion wiederum sei ein Prozess, „durch den die Anzahl vermehrungsfähiger Mikroorganismen infolge Abtötung/Inaktivierung unter Angabe eines standardisierten, quantifizierbaren Wirkungsnachweises reduziert wird mit dem Ziel, einen Gegenstand/Bereich in einen Zustand zu versetzen, dass von ihm keine Infektionsgefährdung mehr ausgehen kann“. Derzeit gibt es dafür 10,80 Euro pro Stunde im Westen und 10,55 Euro im Osten.

Putzen nach „Hausfrauenart“

Beispiel für die gestiegenen Herausforderungen ist die Situation in LehrerInnenzimmern. Dass dort jedeR einen eigenen Arbeitsplätze hat, ist die ganz große Ausnahme, und weil so viele kommen und gehen, erst recht im Schichtbetrieb, muss dauerdesinfiziert werden. Eigentlich. „Der Aufwand ist riesig“, weiß ein Gemeinschaftsschulleiter. Und die Angst nicht klein, denn keiner will mitverantwortlich sein für den nächsten Hotspot. Denn nach den Vereinbarungen von Bund und Ländern würde bekanntlich ein ganzer Stadt- oder Landkreis stillgelegt bei 50 neuen Infektionen auf 100.000 Einwohner binnen einer Woche.

Ebenfalls schon bekannt ist der Aufwand im Stuttgarter Landtag. Grundreinigen zwischen Sitzungen im Plenarsaal dauert etwa eine Stunde, eine Öffnung des Hauses für Besuchergruppen ist vorerst nicht möglich, zumal der Platz angesichts der Abstandsregeln für Abgeordnete gebraucht wird.

Prickelnd war Reinigen nie, auch nicht vor Corona. Mit einer Ausnahme, jedenfalls in den Augen der ersten Werbe­profis im Nachkriegsdeutschland, die die Frauen zum Kauf der schönen neuen Waschmittel verführen wollten. Zu allem Überfluss durften Männer die besserwissenden Schlaumeier geben: Die Gattin geniert sich, weil der Gatte kleckert, der Wirt hilft ihm mit Persil aus der Patsche. „Die Taktik, mit der Werbung in den 50er-Jahren ihre Zielgruppe überzeugen wollte, war die Ansprache von Schuldgefüh­len“, heißt es in einer Bachelor-Arbeit zum Thema. Und: „Ob der Kaffee nicht schmeckte oder die Wäsche nicht weiß genug war – stets war etwas nicht richtig gemacht worden und das beworbene Produkt versprach Hilfe bei diesem Dilemma.“

Putzen unter der Schwelle spezialisierter Bereiche, etwa im Maschinenbau oder in der Medizin, heißt bis heute „nach Hausfrauenart“, gerade in einschlägigen Anzeigen von Zeitarbeits- und anderen Firmen. „Die Reinigung nach Hausfrauen­art umfasste eine Reihe minderhandwerklicher Arbeiten, die von jedermann ausgeführt werden durften“, besagt eine bis heute gängige Definition. Auch keine Satire. „Es ist, als wären wir gar nicht da“, sagt eine der ministeriellen Reinemachefrauen – noch so ein verunglückter Begriff, um den Beruf zu beschreiben, „und wenn wir auffallen, stören wir, obwohl wir doch nur unserer Arbeit nachgehen.“

Einsparen auf Kosten der Reinigungskräfte

Seit den 1970ern und massiv seit den 1990ern werden die Tätigkeiten von der öffentlichen Hand und von Firmen ausgelagert, womit das letzte kleine Pflänzchen Zusammengehörigkeitsgefühl endgültig niedergemäht wurde. Unzählige Unternehmer und Subunternehmer ersannen Verträge mit Paragrafen zu Bezahlung und Arbeitszeit, deren Einhaltung nie kontrolliert wurde. Ein weit verbreitetes gesellschaftliches Ärgernis entstand, das konsequent beschwiegen wurde. Niemand mochte schlafende Hunde wecken: Wären Aufträge zu anständigen Bedingungen vergeben worden, hätten viele der vollmundigen Einsparungsversprechen nie erfüllt werden können.

Ausgerechnet die rot-grüne Bundesregierung drehte weiter an der Abwärtsspirale. 2004, im Zuge von Hartz IV und Handwerksrechtsnovellierung, fiel die Meisterpflicht, wie für 52 andere ­Berufe. Jetzt durfte sich jedeR ohne Qualifikationsnachweis niederlassen, um selbst komplexe Aufträge zu übernehmen. Seit 2019 gilt ein neuer Rahmentarifvertrag, dessen Ausverhandlung mitausgelöst wurde durch ein Gerichtsurteil. Arbeit­geber wollten nicht davon lassen, Teilzeit­beschäftigte so lange ohne Überstundenzuschlag wischen und kehren, scheuern und polieren zu lassen, bis die Regel­arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten erreicht war.

Das wurde zwar gerichtlich abgestellt, die Neuregelung ist aber ebenfalls höchst unbefriedigend. „Besonders wichtig ist uns, dass wir das Urteil des Bundes­arbeits­gerichts integriert haben“, freute sich Christian Kloevekorn, Verhandlungsführer für den Bundesinnungsverband. Von da an erhielten alle Beschäftigten einen Belastungszuschlag von 25 Prozent ab Überschreitung der achten Arbeitsstunde. Und die ersten sieben? Die fallen unter den Tisch.

An Fasching haben Putzfrauen Hochkonjunktur

Erst kürzlich wurde ein Teil der damaligen Handwerksrechtsnovelle rückgängig gemacht. Viele Berufe, etwa Fliesen- und Estrichleger, Orgelbauer, Holzdrechsler oder Glasveredler, fallen zurück unter die Meisterpflicht, Gebäudereiniger hingegen nicht. Die Uni Göttingen hat sich in einem Pro und Contra mit der Lage befasst, ein Befürworter der Niederlassungsfreiheit erläutert bereitwillig den Hintergrund. Die Markteintrittsbarrieren für Migranten seien gesenkt und die Integration damit verbessert worden. Die Saubermänner ohne deutsche Wurzeln sind häufig Glas- oder Fassadenreiniger, aber draußen ebenso isoliert von den anderen Beschäftigten wie ihre Kolleginnen drinnen.

Ein Mal im Jahr hat der Stand aber dann doch Hochkonjunktur. Allerdings nicht Birgül oder Özlem, Milena, Berisha, Vasil oder Said, sondern Silvia und Robert und vor allem eine gewisse Annegret von der Saar. Im Fasching sind Putz­frauen und Männer, als Putzfrauen verkleidet, höchst beliebt, weil auch mit „low budget“ herzustellen, wie es auf einer der vielen Kostüme-Seiten im Netz heißt. Außerdem ist der Aufwand an Phantasie und Ausstattung überschaubar, denn fast alle haben alle einschlägigen Requisiten sowieso daheim, im Idealfall sogar die typischen gelben Plastikhandschuhe. Die schützen übrigens nicht vor Unfällen, wenn sich Kolonnen nachts durch Bankhochhäuser schrubben, erst recht nicht die CDU-Bundesvorsitzende vor missglückten Scherzen über Transsexualität. Und keinesfalls Schwamm drüber.

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