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Der neue Umwelt-Job

Mit der klimabedingten Verkehrswende steigt überall der Bedarf an Zweiradmechanikern und Mechatronikern. Die zunehmende E-Mobilität stellt neue Anforderungen an diesen Berufszweig. Doch der Nachwuchs ist verdammt rar

Neue, nicht automobile Mobilität: Wo Fahrräder, E-Roller und E-Bikes immer mehr in Mode kommen, werden auch immer mehr Fachkräfte benötigt, um sie zu reparieren Foto: Eric Lalmand/dpa

Von Hannes Vater

Der Radverkehr in Hamburg nimmt stetig zu, die Infrastruktur bleibt ungenügend. Tretroller und E-Bikes brauchen auch Platz zum Fahren, und alle Räder müssen manchmal repariert werden. An Zweiradmechanikern mangelt es aber genauso wie an Werkstätten und adäquaten Radwegen. Was tut sich in der potenziellen Fahrradstadt?

Von sechs bis 19 Uhr, an einem möglichst repräsentativen Tag, wird in Hamburg seit Jahren das Radverkehrsaufkommen manuell gemessen. Die Werte der Messungen steigen kontinuierlich. Zwischen den Jahren 2000 und 2020 um mehr als 80 Prozent. In Hamburg werden somit täglich über 900.000 Fahrradfahrten angetreten – das sind 15 Prozent des Gesamtverkehrsaufkommens. Die Zahl der Autofahrten bleibt dagegen stabil: Rund 1,6 Millionen Fahrten pro Tag, und das seit etwa 10 Jahren. Die Stadt hat inzwischen aber über 100.000 Einwohner mehr. Während vor zehn Jahren fast die Hälfte ins Auto stieg, nutzt es heute nur noch rund ein Drittel der Hamburger regelmäßig. Setzt der Trend sich fort, fahren in ein paar Jahren mehr Leute Zweirad als Auto.

Was macht das mit der Stadt? „Ich habe das Gefühl, dass wir an manchen Tagen auf der Straße Krieg haben“, sagt Torsten Schulz, Lehrlingswart der Zweiradmechaniker-Innung Hamburg. „Autos gegen Radfahrer, Radfahrer gegen Fußgänger, Fußgänger gegen alle.“ Zwar arbeitet die Stadt seit Jahren an besseren Radwegen, aber nach dem Verständnis regelmäßiger Radfahrer passiert zu wenig und das zu langsam.

Da immer mehr Menschen das Rad als Alltagsverkehrsmittel entdecken, muss die Infrastruktur angepasst werden. „Der Ausbau hinkt dem Trend aber deutlich hinterher“, sagt Dirk Lau, Pressesprecher des ADFC. Verschärfend kamen die neuen E-Tretroller dazu, die laut Studien eher nicht das Autofahren, sondern das Zufußgehen ersetzen. Und dabei Platz beanspruchen, der nicht mal für den vorhandenen Radverkehr reicht. Die Entwicklung der Unfallzahlen findet Lau alarmierend. „Das ist ein Skandal, dem Senat gelten Kriterien wie Verkehrsfluss, Wirtschaftsverkehr und Autoparkplätze mehr als der Schutz der Gesundheit der BürgerInnen vor Lärm, Abgas und Autos.“ Zwar gebe es schon bessere Radwege entlang der Alster, in den Randbezirken passiere dagegen wenig.

Die aktuelle Koalition hat das Ziel, bis 2025 einen Radverkehrsanteil von 25 Prozent zu erreichen. Lau zufolge ist das wenig ambitioniert und mit der jetzigen Verkehrspolitik vermutlich nicht zu erreichen. Stattdessen brauche es eine „radikale, mutige Verkehrswende“, welche die klimafreundliche Mobilität klar priorisiert – sowohl bei der Flächenverteilung (mehr Platz fürs Rad), als auch bei den Investitionen. Im Senat sei der Mut noch nicht zu erkennen.

Der Fortschrittsbericht der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation zeigt zumindest ein paar Ambitionen: Jährlich sollen 50 Kilometer Radweg ausgebaut werden. Aktuell sind es rund 35. Das Konzept des Hamburger Veloroutennetzes umfasst 14 städtische Radstrecken mit einer Gesamtlänge von 280 Kilometern. Bei 176 dieser Kilometer sieht die Stadt Ausbaubedarf. Aufgrund der Hamburger Stadtgeografie (sternförmig aufs Zentrum ausgerichtet), sei die Führung entlang stark befahrener Straßen teilweise unumgänglich. Um Gefahrensituationen dabei zu vermeiden, hat die Behörde kürzlich die Kampagne „Hamburg gibt Acht“ ins Leben gerufen. Dafür wurden die Hamburger BürgerInnen aufgerufen, Grundregeln für ein besseres Miteinander im Straßenverkehr zu definieren. Eine Jury wählte aus den Vorschlägen acht goldene Regeln, die zwar einfach, aber effektiv sind und allzu oft vergessen werden: Handy weg, Rücksicht nehmen, mitdenken, Nervenkitzel bzw. Geschwindigkeitsüberschreitung vermeiden, Fokus auf die Straße, mit Unberechenbarem rechnen, nicht bei Rot fahren und die schöne achte Regel: rechts schauen, links schauen, aufein­ander schauen. Abgesehen von den ausbaufähigen Routen wirft der zunehmende Radverkehr ein weiteres Problem auf: Es fehlen Mechaniker, Mechatroniker und Werkstätten, die nicht wochenlang ausgebucht sind. Wie in vielen Handwerksberufen mangelt es bereits am Nachwuchs. Ausbildungsstellen stehen bereit, aber werden nur spärlich besetzt. „Das Handwerk bietet viele Chancen für die Kids. Aber alle wollen studieren“, sagt Lars Wagner, Ausbildungsberater der Handwerkskammer. Steigende Studierendenzahlen bestätigen den Trend. Aber die Handwerkskammer bleibt nicht untätig: Sie wirbt in den Schulen mit Projekten, in denen Schüler ihre Stärken entdecken sollen und locken mit dualen Studiengängen. Aber die Jugend hat meist andere Interessen als das Handwerk. Dabei wird gerade die Zweiradmechatronik immer interessanter: „Durch die E-Mobilität ist es komplizierter geworden“, so Wagner, „das ist keine Technik mehr, die jeder zu Hause hat.“

Es fehlen Werkstätten, die nicht wochenlang ausgebucht sind

Mit der Zunahme des Radverkehrs und der E-Mobilität im Zuge der Klimawende werden Zweiradmechatroniker und -mechaniker immer gefragter – so gefragt, dass sie von der Handwerkskammer einen neuen Titel bekommen: „Sie sind Teil der Umweltberufe, die wir im Hamburger Handwerk als Klimawendetechniker bezeichnen“, sagt Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer. „Dazu gehören etwa auch Installateure, Dachdecker und Elektriker.“ Also alle, die mit ihrer Arbeit Maßnahmen der Klimawende umsetzen.

Vielleicht weckt die neue Bezeichnung ein neues Pflichtgefühl in der Gesellschaft. Eine neue Wertschätzung des Berufs. Das könnte wiederum die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen steigern und die Infrastruktur festigen. Von der Politik wünscht sich Stemmann, dass sie den enormen Stellenwert des Klimawendetechnikers für die Zukunftsfähigkeit der Stadt erkennt, entsprechend höher bewertet und in der Konsequenz noch besser fördert als bisher.

Dirk Lau vom ADFC würde gern sehen, dass die Stadt ihre Chance nutzt, Hamburg zur Vorzeige-Metropole moderner Mobilität zu machen: „Vorfahrt für klimafreundliche Verkehrsmittel, Weg vom ressourcenfressenden Auto.“