So viel Kritik muss sein: Jan-Paul Koopmann über „Die Rote Zora und ihre Bande“

Mundraub mit Herz

Ein allgemeines Aufatmen bei Kindern und Eltern gibt es, als Branko endlich aus dem größten Elend heraus und in der Bande angekommen ist

Was für ein Glück, dass die Bösen solche Trottel sind! So hat man nämlich erstens auch als Kind noch eine Chance und zweitens was zu lachen. Bei der Roten Zora gilt das gleich doppelt, weil die Kinderbande es hier mit einem Trio Infernale der ganz besonders liebreizenden Art zu tun bekommt: der reichste Mann der Stadt (Helge Tramsen), ihr Bürgermeister (Guido Gallmann) und der offenbar einzige diensthabende Polizist (Matthieu Svetchine). Und deren Stolpern, Fuchteln und Scheitern wäre für sich schon wunderbar anzuschauen, würden die drei Schauspieler nicht dazu noch immer wieder in eher unvorteilhaften Schuluniformen auftreten, um auch noch ihre Söhne zu spielen: „Die Gymnasiasten“, die nächste Generation der Kleinstadtbourgeoisie.

Es ist jedenfalls ein Segen, dass die drei solche Schnuffis sind. Denn dass die Kids der Reichen da hungrige Waisen drangsalieren, ist ja eigentlich überhaupt nicht witzig. Das Bremer Theater empfiehlt „Die Rote Zora und ihre Bande“ ab sechs Jahren. Und das ist schon bemerkenswert, obwohl sich John von Düffels Theaterfassung tatsächlich einige der Gemeinheiten aus Kurt Helds Kinderbuch gespart hat. Die emotionalen Härten sind aber durchaus noch drin im Text – und werden unter Selen Karas Regie gerade am Anfang noch zugespitzt.

So beginnt das Stück mit der Beerdigung der Mutter von Branko (Emil Borgeest), und noch bevor die Handlung so richtig in Fahrt gerät, wird er herzerweichend seinem ebenfalls verschwundenen Vater nachtrauern und im Gefängnis vor Einsamkeit um Hilfe schreien. Man spürt schon ein allgemeines Aufatmen von Kindern und vor allem ihren Eltern im Publikum, als Branko dann endlich in der Bande und auf ihrer Burgruine angekommen ist.

Hier aber lichtet sich schließlich selbst die Melancholie von Torsten Kindermanns Musik, die vom Geigenspiel am Straßenrand mit Schmackes zum Soundtrack wird und sich bis zum finalen Showdown zwischen Gymnasiasten und Straßenkindern noch zur Balkan-Pop-Version des „Pulp Fiction“-Openers hochschrauben wird.

„Die Rote Zora und ihre Bande“ ist hochgradig spannendes und sehr körperliches Theater, wobei sich besonders Lydia Merkels Bühne als Highlight erweist. Deren Herzstück ist ein gewaltiger, drehbarer Würfel, der an drei Seiten wie eine Ameisenfarm von Geheimgängen durchzogen ist und der von hinten Einblick gewährt in ein Räuberversteck mit Hochbetten, Rutschstange und urig verbauter Gemütlichkeit. Vor allem ist es ein Parcours für allerlei Akrobatisches, ganz besonders bei Mirjam Rast, die als Rote Zora über die Mauern jagt und ein beachtliches Actionprogramm hinlegt: inklusive Klettern, Kampf und Feuerspucken.

Ganz anders übrigens als bei der jüngeren Verfilmung des Stoffes liegt der Fokus hier voll auf der Lebenswelt der Kinder. Die dippen zwar immer mal rein in die Konflikte der Großen und wissen die – von der Affäre der Bäckerin bis zum Betrugsgeschäft der Wahrsagerin – auch für ihre Zwecke zu nutzen, unterm Strich aber sind sie dann doch vor allem Kinder in existenziellen Schieflagen, bitterarm und verstrickt in ein moralisches Dilemma: zu hungern nämlich oder von den Armen zu stehlen.

Dieser Konflikt wird gegen Ende einmal geballt abgehakt. Die Kinder sind nicht unschuldig, die Verantwortung aber tragen wir. Also die Gesellschaft. Höher steigt der pädagogische Zeigefinger aber nicht und man kann auch einfach mit Spaß zuschauen, wie die Helden Kinder sind und es auch bleiben wollen.

Um es kurz zu machen: „Die Rote Zora und ihre Bande“ bekommt seinen emotionalen Drahtseilakt nicht nur trittsicher in den Griff, sondern wird zur Premiere völlig zurecht von Erwachsenen wie Kindern gleichermaßen für Spannung, Spaß und visuelle Wucht gefeiert.

Wieder: 3. 12. sowie an 16 weiteren Terminen im Dezember, 10 Uhr, Theater am Goetheplatz