berliner szenen: Siehst doch sympathisch aus
In der S75 nehmen ein Mädchen und ein Mann schräg gegenüber von mir Platz. Sie ist hellhäutig und unauffällig gekleidet, er dunkelhäutig und auffällig angezogen: Er trägt eine gelbe Hose, grüne Halbschuhe und ein pinkes Stirnband. Ein ungleiches Pärchen, könnte man meinen, würde er sie nicht über ihren Musikgeschmack ausfragen, als wolle er sie kennenlernen. Als in meinem Vierer zwei Plätze frei werden, fragt er, ob sie sich mit ihm umsetzen möchte: „Rückwärts fahren ist doch doof.“
Sobald die Beiden Platz genommen haben, ertönt ein: „Kontrolle! Fahrkarten bitte!“ aus dem hinteren Teil des Waggons. Das Mädchen zückt ein Ticket, er nestelt in seiner Bauchtasche. Sie flüstert: „Hast du ’ne Karte?“ Er bleibt ihr die Antwort schuldig. Die Kontrolleurin, eine Frau im Batman-Shirt, sieht sich meine Umweltkarte und das Ticket des Mädchens an und sieht dann in Richtung des Mannes: „Fahrausweis!“ Als er nicht reagiert, fragt sie das Mädchen: „Gehört ihr zusammen? Also kennst du ihn?“ Sie antwortet: „Seit einer Station.“
Der Mann kramt langsam eine Karte aus seiner Bauchtasche, reicht sie der geduldig wartenden Kontrolleurin und fragt: „Warum machst du den Job? Siehst doch sympathisch aus!“ Die Kontrolleurin lächelt nur. Er wendet sich wieder dem Mädchen zu und meint: „Ich musste schon zweimal zahlen. Einmal, weil ich eine Minute über der Zeit und einmal, weil ich eine Station über den B-Bereich war. Kulanz ist ein Fremdwort für die BVG.“
Das Mädchen reißt jetzt erstaunt ihre Augen auf: „Hast du dir eben etwa extra Zeit gelassen?“ Er grinst verschwörerisch: „Klar. So konnten andere abhauen, während sie noch versucht hat rauszukriegen, ob ich nur Afrikaans verstehe.“ Das Mädchen lacht. Er fügt hinzu: „Aber immer bessere Outfits haben die. Muss man ihnen lassen.“ Eva-Lena Lörzer
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