editorial

In dieser literataz

Bücher über Norwegen, Black Power, Pariser Nächte, Ost-West-Debatte, Jugend, Klima u. v. m.

Der Auftritt des Gastlands bei der Frankfurter Buchmesse kann ein Anlass sein, darüber nachzudenken, was die deutsche Kulturpolitik von diesem anderen Land lernen kann. Bibliotheken für das 21. Jahrhundert bauen, zum Beispiel. Jüngst ist in Oslo die Biblo Tøyen entstanden, eine Mischung aus Bücherei und Chill-Ort nur für Kinder und Jugendliche (zwischen 10 und 15 Jahren). Erwachsene haben nicht mal Zutritt – ein Ort zum Abtauchen in bessere Welten. 2020 folgt dann als Neubau der Deichman’schen Bibliothek eine Erwachsenenbücherei der Zukunft. Auch dieser Entwurf wirkt visionär. So etwas fehlt in Deutschland viel zu oft.

Dass Norwegen ein Literaturland ist, wird auch in dieser literataz ersichtlich. Neben dem Porträt von Tomas Espedal, der nun damit aufhört, literarisch durch sein eigenes Leben zu streunen (S. 2, 3), stellen wir Tor Ulven vor, der eine Art Nouveau-Norwegian-Roman geschaffen hat; wir fragen Bestsellerautorin Maja Lunde (S. 7) nach Fridays For Future und werfen einen kurzen fachkundigen Blick in die Bücher von Helga Flatland und Lotta Elstad (S. 8). Soundtrackempfehlung zur diesjährigen literataz: „Norwegian Wood“ von den Beatles, Motorpsycho oder Black Metal.

Apropos Soundtrack. Dass die Pariser Nächte des 18. Jahrhunderts häufig mehr zu bieten hatten als eine wilde Berliner Clubnacht heute, können wir bei dem Untergrundchronisten ­Rétif de la Bretonne nachlesen (S. 16). Seine Streifzüge durch die damals größte Stadt der Welt dokumentieren Leben und Liebe in Zeiten der Französischen Revolution.

Die sogenannte friedliche Revolution jährt sich heuer zum 30. Mal, die neuen Wendeherbstbücher sind von einer sehr aktuellen Ost-West-Debatte geprägt (S. 11). Eine Debatte, die zunehmend vom ganz Alten in neuen Köpfen handelt: vom Rechtsradikalismus. Was die Wähler der AfD bewegt, versucht die Psychologin Eva Walther herauszufinden (S. 10), die eine sehr deutliche Normenverschiebung ausmacht, durch die bis vor Kurzem Unsagbares sagbar geworden ist. Bis jetzt ist es ein wenig schöner Herbst: rechter Terror, Antisemitismus, lasche Klimapakete – das alles macht wenig Hoffnung. Aber es gibt auch andere Töne, die von Aufbruch, Widerstand und fluiden statt starren Identitäten künden – auch davon berichten wir (S. 14). Kommen Sie mit: zu den Büchern, durch den Herbst, in die Zukunft, zu den Guten. Jens Uthoff und Tania ­Martini