herr k. macht einen aufguss

Holländischer Flugschüler

Warum Rens Blom erst durch polnisch-deutsche Entwicklungshilfe ein gefeierter Meister der Höhenjagd wurde

Der Finne, das hat man in diesen regnerischen Tagen von Helsinki beinahe täglich beobachten können, der Finne sitzt da in seinem Regenjäckchen – und schweigt. Aber, und das ist dann auch schon die alles entscheidende Frage für den heutigen Tag: Was macht eigentlich, mal abgesehen von Eisschnelllaufen, Sich-nicht-für-die-Fußball-WM-Qualifizieren und Tulpenknicken der Holländer? Bei Richard Wagner ist das einfach, hier bei der Leichtathletik-WM in Helsinki seit Donnerstagabend auch: Der Holländer fliegt. Und doch gibt es feine Unterschiede: Bei Wagner hat das Thema gerade mal für drei Akte einer romantischen Oper ausgereicht. Hier in Helsinki wurde ein Drama in sechs Sprüngen geboten. Und als Rens Blom, besagter Holländer, seinen Stab packte und zu seinen Sätzen sieben und acht ansetzte, wurde aus dem Drama sogar ein Lustspiel. Auf 5,80 Meter trug es den 28-Jährigen aus Sittard im Limburgischen. Schon auf dem Weg nach oben überkam ihn das wunderschöne Gefühl: „Wow, hier springt der neue Weltmeister“, jedenfalls hat er es später am Abend so erzählt.

Die Einstiegshöhe von 5,50 Meter schaffte er nur mit Ach und Krach im letzten Anlauf, bei seinem zweiten Versuch über 5,65 Meter muss eine höhere Macht mit ihm gewesen sein; die Latte hüpfte jedenfalls auf der Auflage hin und her wie ein Flummi – aber sie fiel nicht. Der Rest war einigermaßen souverän. Die Sieghöhe von 5,80 Meter nahm Blom im ersten Versuch.

Der Donnerstag ist also ein aufregender Abend geworden für Klein-Käseland. Denn im Gegensatz zu den schweigsamen Menschen in Großregenland haben die fliegenden Holländer nun schon zwei Medaillen hier gesammelt – und ihren ersten und bislang einzigen Weltmeistertitel obendrein. Denn zu mehr als einer handvoll Silber oder Bronze hat es bei neun (!) Weltmeisterschaften bisher nicht gereicht. Umso ausgelassener feierten sie in ihren orangen Hemdchen. „Ich weiß nicht, wie groß diese Geschichte wird. Aber sie wird auf jeden Fall sehr groß“, sagt ein Kollege aus Holland. Für mehr hatte er keine Zeit. Er musste schnell weg, mit den Kollegen den Sieg begießen.

Aber vielleicht hätte man einfach mitgehen sollen. Denn irgendwie ist, man hätte sich das gleich denken können, dieser erste holländische WM-Titel ein kleines bisschen auch ein deutscher. Schließlich hat Blom lange Zeit in Leverkusen gewohnt, studiert und trainiert, bei Leszek Klima. Klima kommt aus Polen, war zu jener Zeit aber Stabhochsprung-Bundestrainer. Und weil er ein netter Kerl ist, hat Klima eben Entwicklungshilfe geleistet und Blom in seine Trainingsgruppe aufgenommen, in der zu jener Zeit auch Tim Lobinger (am Donnerstag Fünfter mit mäßigen 5,60 m) und Danny Ecker (am Donnerstag Letzter mit saumäßigen 0,00 m) auch das Springen mit Stäben übten. Fast könnte man also sagen: Klima hat dem Holländer das Fliegen beigebracht. Doch als der anfing, das richtig gut zu können – was 2003 bei der Hallen-WM der Fall war und durch Bloms Bronzemedaille dokumentiert ist –, hat der Deutsche Leichtathletik-Verband Leszek Klima die Entwicklungshilfe schnell verboten; zumindest während der Wettkämpfe durfte der Trainer den Holländer nun nicht mehr betreuen.

Aber das spielt nun keine große Rolle mehr, die Dinge haben sich normalisiert und ein bisschen auch geändert. Blom trainiert zwar immer noch zweimal die Woche in Leverkusen, mittlerweile aber bei Marc Osenberg und Hansjörg Thomaskamp. Außerdem ist er nach den Olympischen Spielen von Athen, wo er schon im Vorkampf abgestürzt war, wieder nach Holland gezogen. Dort ist er seit Donnerstag ein Star, sogar der König hat ihm seine Glückwünsche überbringen lassen. Viel höher kann ein Holländer nicht fliegen.

FRANK KETTERER