wortwechsel

„Schuld predigt die Kirche, seit ich denken kann“

Raoul Löbbert meint, auch Laien in der katholischen Kirche hätten Schuld auf sich geladen. Es gibt vehementen Widerspruch. Und eine Debatte über das Heim-Gesetz von Jens Spahn

Es gibt viele Marias 2.0, hier in der Kathedralenstadt Freiburg Foto: Patrick Seeger/dpa

Mehr geht nicht

„Katholisch sein macht mürbe“, taz vom 17. 8. 19

Sehr geehrter Herr Löbbert, Ihr Artikel hat mich empört in der Darlegung, dass wir mit schuld am Zustand der Kirche seien, und sie zählen Beispiele auf. Ich wehre mich entschieden dagegen, schon wieder an etwas schuld zu sein, das ich nicht verursacht habe, und wo mir objektiv die Mittel fehlen, um es konstruktiv zu ändern. Ich machte, was ich konnte. Woher nehmen Sie das Recht zu behaupten, dass aus der Kirche Ausgetretene falsch handeln? Auch diese haben positiv dazu beigetragen, dass Bewegung in die Kirche kam. Vielleicht manchmal mehr als der/die Dringebliebenen. Austritt kann auch dazu führen, dass die Machthabenden zur Besinnung kommen.

So sehe ich mich in diesen Reihen: 1993 aus der Kirche ausgetreten und innerlich dringeblieben. Ausgetreten, weil ich mit meiner Kirchensteuer das Gehabe von Kardinal Meisner nicht mehr mit verantworten und finanziell nicht mittragen wollte. Die Steuerbeträge spende ich nach wie vor an mir zusagende soziale/politische Institutionen. Ich beteilige mich am Gemeinschaftsleben, gehe gelegentlich zur Eucharistie. Und tue letztlich das, was ich kann. Und weiß, dass es nicht genug ist. Für diese Haltung können Sie mich nicht schuldig sprechen.

Schuld predigt die Kirche, seit ich denken kann. Und auch dadurch ist das entstanden, was zu beklagen ist. Sie haben sehr viel Wichtiges in diesem Artikel geäußert. Aber verschonen Sie mich damit, dass ich „meine Schuld“ sehen soll. Ich weiß, dass mehr zu tun ist. Aber mehr kann ich nicht …Marlies Hanfland-Hilt, Frankfurt am Main

Ohne Kirche kein Heil?

„Katholisch sein macht mürbe“

Zwei Dinge verwundern mich besonders am Aufsatz von Raoul Löbbert: Er meint, die Kirche nach seinen Vorstellungen verändern zu können, und er hält die Kirche für einen Gläubigen für wichtig. Die Kirche ist doch nun mal nicht demokratisch verfasst, sondern von Jesus („Auf diesen Felsen Petrus will ich meine Kirche bauen“) mit einer „Obersten Leitung“ versehen worden. (Ob er eine Kirche so gemeint hat, wie sie heute ist, weiß keiner.) Die folgenden Gemeindeleiter haben keinen Grund gesehen, an dieser hierarchischen Struktur etwas zu ändern. Und an „seinem“ Taufversprechen, die Kirche zu hören und sich von ihr allzeit gläubig sehen zu lassen, wird Löbbert doch nichts ändern wollen.

Weiter: Warum ist dem Verfasser die Kirche so wichtig? Ist für ihn immer noch außerhalb der Kirche kein Heil? Warum lässt er sich weiterhin „mürbe“ machen? Kann er nicht ohne Kirche gläubig bleiben? Vor allem aber: Warum will er denn gläubig bleiben? „Einerseits muss man einer ungläubiger werdenden Gesellschaft erklären, warum man noch an Gott glaubt“, sagt er. Da hätte ich gern die Erklärung, die er der Gesellschaft gibt, von ihm gelesen; aber vielleicht spricht er davon in einem anderen Artikel. Mir drängt sich die Frage auf, ob die vielen „Austretenden“ gar nicht wegen der Missstände in der Kirche gehen, sondern, weil sie „glauben“ nicht mehr für nötig halten. Georg Fritzen, Düren

Aufschrei der Empörung

„Nein zum Ab-ins-Heim-Gesetz“, „Spahns Unheil“, „Dann will ich nicht mehr leben“, taz vom 20. 8. 19

Wenn ich lese: „Nein zum Ab-ins-Heim-Gesetz“, dann muss ich schlussfolgern: Heim ist schlecht und die Alternative, zu Hause und Pflegedienst, ist gut. Im Fließtext schreiben Sie, dass Pflegedienste in betrügerischer Absicht die Krankenkassen um horrende Summen betrogen haben. Was denn jetzt? Ist die Alternative doch nicht so gut wie das Heim? Kann es sein, dass hier sehr oberflächlich gerade Meinungsbildung betrieben wird?

Im Fließtext schreiben Sie weiter, es gehe um die Betroffenen der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) und um Menschen mit Behinderung, die eine 24-Stunden-Betreuung benötigen. Fakt ist doch: Die 24-Stunden-Betreuung im eigenen Bereich ist die teuerste Betreuungsform, die es derzeit in Deutschland gibt, und sie wird größtenteils über Agenturen abgedeckt, die mit Pflegepersonal aus dem osteuropäischen Ausland in 3-Monats-Einheiten arbeiten.

Fakt ist weiterhin (Achtung, jetzt kommt der Aufschrei der Empörung), dass überwiegend gesunde Menschen, die erkrankten, oder solche mit besonderem Hilfebedarf, der die Intelligenzminderung nicht betrifft, in den Genuss der 24-Stunden-Betreuung kommen und nicht die Schwerstpflegebedürftigen mit schwerer und schwerster Intelligenzminderung, die so auf die Welt gekommen sind. Laut Inklusionsgesetz müssten alle gleichbehandelt werden, ist aber nicht so.

Eine 24-Stunden-Intensivbetreuung für 30.000 Euro im Monat entspricht circa fünf Heimplätzen für Intensivbetreuung mit Tagesstruktur. Wir brauchen keine Gesetze, die wir nicht umsetzen können, sondern Lösungen, die anwendbar sind.

Wenn wir aktuell in Zeiten des Pflegenotstands kein Personal für die bestehenden stationären Einrichtungen bekommen, woher sollen dann das Personal und die Mittel für eine individuelle 24-Stunden-Intensivbetreuung im eigenen Zuhause herkommen? Holger Alfons Lauerer, Augsburg

Der Wille des Ministers

„Nein zum Ab-ins-Heim-Gesetz“, taz vom 20. 8. 19

Ich bedanke mich bei der taz als Krankenpfleger (seit 1971) und Pflegeperson (einer nahen Angehörigen) für den Aufmacher und die Berichterstattung auf Seite 3. Es wurde höchste Zeit für die Darstellung des gesamten Gesetzeshintergrunds. Es ist ein von Herrn Seehofer offiziell bestätigter Brauch unserer Gesetzgeber, Gesetzestexte kompliziert zu gestalten und im Text zu einem anderen Thema (hier: die dringend notwendige bessere Qualitätskontrolle ambulanter Intensivpflegedienste) den Zwang zu einer institutionellen Schwerkrankenbetreuung zu „verstecken“. Auch lobe ich ausdrücklich die Bildunterschrift unter dem Titelbild, sie entlarvt!

Nicht einverstanden bin ich mit dem naiv formulierten Kommentar von Barbara Dribbusch. Gehen Sie tatsächlich davon aus, dass ein Gesetzentwurf nicht von dem ausdrücklichen politischen Willen des zuständigen Ministers intendiert ist, hier von einem Spardiktat? Selbstverständlich ist es politischer Wille des Ministers, hier die Selbstbestimmung, Würde und Teilhabe dieser ärmsten Menschen zu beschneiden. Sie sollen institutionell gepflegt werden und nicht mehr im privaten Umfeld. Ich vermute mal nicht, dass hier der Gesetzentwurf von Herrn Spahn zur Organtransplantation eine Rolle spielt.

Franz Sitzmann, Berlin

Respekt für alle

„In Uniform künftig kostenlos“, taz vom 19. 8. 19

Ein „Zeichen der Wertschätzung“ will Annegret Kramp-Karrenbauer setzen, indem SoldatInnen in Uniform künftig kostenlos Bahn fahren dürfen. Vielleicht bedient das ja auch das Sicherheitsbedürfnis der anderen Fahrgäste. Aber wieso verdienen nur SoldatInnen „Respekt und Dank“? Was ist mit den vielen anderen Menschen, die Staat & Gesellschaft täglich und unmittelbar dienen: Menschen, die bei Feuerwehr & Polizei arbeiten, in der Alten- & Krankenpflege oder als Ehrenamtliche? Was ist mit all den HeldInnen des Alltags? Verdient nicht überhaupt jeder Mensch Respekt? Was macht den Dienst der SoldatInnen so besonders wertvoll?

Okay, im Falle eines Krieges müssen sie unser Land, zu dem nicht der Hindukusch zählt, verteidigen und bei einem Jahrhunderthochwasser Sandsäcke schleppen. Ansonsten sind sie in jüngster Zeit eher negativ aufgefallen, sei es durch rechtsextremistische Umtriebe in ihren Reihen oder durch großflächige Brände, die sie infolge Munitionstest zu verantworten hatten.

Wie wäre es denn noch mit kostenloser Nutzung von Fahrgeschäften auf Rummelplätzen oder kostenlosem Eintritt in Freizeitparks oder beitragsfreier Mitgliedschaft im örtlichen Schützenverein? Kirsten Diercks, Norderstedt