crime scene

Eine echte Heldin auf der falschen Seite

Wir müssen uns Lola als eine hinreißende Frau Ende zwanzig vorstellen. Doch in Wirklichkeit ist sie viel mehr als das, nämlich die geheime Chefin der „Crenshaw Six“, einer Gang in einem heruntergekommenen Latinoviertel von Los Angeles. Das Kartell, für das die Cren­shaw Six arbeiten, heißt „Los Liones“, und der Roman beginnt damit, dass just an einem Abend, an dem Lola und ihr Freund (den alle für den Gangleader halten) ein Barbecue für die Leute im Viertel geben, ein Abgesandter des Kartells mit einem Auftrag aufkreuzt: Die Drogenübergabe an einen Konkurrenten soll verhindert werden; Drogen und Geld sind dabei einzusacken. Geht die Aktion schief, soll Lola sterben.

Klar, dass die Sache in die Binsen geht; und wie Lola den Schuldigen – ihren geliebten kleinen Bruder – für sein Versagen bestraft, das hat große Mafia-Klasse. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass in diesem Roman Ströme von Blut fließen, und nicht das einzige Mal, dass Lola daran schuld ist. Dabei schafft es Melissa Scrivner Love, die hier ihr Debüt vorlegt, absolut mühelos, dass wir ihr diese krasse, ungewöhnliche Frauenfigur abnehmen. Das ist allerhand; vor allem, da Lola keineswegs mit übermenschlichen Superheldinnenzügen ausgestattet ist. „Lola“ ist ein Roman mit realistischem, vielleicht sogar gesellschaftskritischem Anspruch und seine Heldin im Grunde ein Mensch wie du und ich – beziehungsweise ein Mensch wie so manche, die eine Kindheit voller Gewalt und Missbrauch erleben mussten. Nur hat diese Lola hier entschlossen die Opferrolle zurückgewiesen und den radikalen Weg in die Vorwärtsverteidigung gewählt.

Als Drehbuchautorin hat Melissa Scrivner Love für „CSI: Miami“ gearbeitet. Darüber hinaus ist sie die Tochter eines Polizisten. Natürlich können wir nicht beurteilen, wie die Leute im Gang-Milieu von Los Angeles ticken, aber auf jeden Fall wirkt alles in diesem Roman unprätentiös authentisch. Die Krönung ist der psychologische Spagat, den die Autorin mit ihrer Hauptfigur hinlegt. Die ungeschriebenen Gesetze der Straße erfordern drastisches Handeln, einerseits. Findet man nicht gut, kann man aber nachvollziehen. Dass Lola ein kleines Mädchen aufnimmt und sich zur fürsorglichen Mutterfigur entwickelt, ist aber genauso glaubhaft – und geradezu herzzerreißend die Naivität, mit der Lola glaubt, es reiche aus, Geld zu haben, um das Kind auf eine schöne Privatschule schicken zu können. Auch die Welt außerhalb ihrer hood hat ungeschriebene Gesetze, und von denen weiß Lola rein gar nichts.

Melissa Scrivner Love: „Lola“. Aus dem Amerikanischen von Sven Koch und Andrea Stumpf. Suhrkamp, Berlin 2019, 391 Seiten, 14,95 Euro.

Scrivner Love hat dem Genre nach Generationen ehrenwerter weiblicher Ermittlerfiguren endlich eine echte Heldin auf der falschen Seite des Gesetzes beschert. Mit ihrem schillernden Gut-Böse-Widerspruch kann Lola als würdiges weibliches Pendant zum ikonischen Walter („Breaking Bad“) White begriffen werden. Katharina Granzin