Ausgehen und rumstehen von Detlef Kuhlbrodt

L.s Freund vom Füllfederhalterclub

Es ist Freitag. Schon seit Tagen überlege ich, ob ich mir einen neuen Plattenspieler kaufen soll. Ich habe zwar einen, doch der lässt sich aus irgendeinem Grund nicht mit der neuen Anlage verbinden, die ich mir – 2010 glaube ich – gekauft hatte.

So ist der alte Plattenspieler – ein schicker Grundig PS 2500 aus den späten 1970er Jahren – mit der alten Anlage verbunden, die meinem Vater gehört und im Wohnzimmer gestanden hatte. Sie sieht zwar gut aus, klingt aber nicht so gut und nimmt nur Platz weg, deshalb hatte ich im Internet schon nach einem anderen Plattenspieler geguckt.

Jetzt ist es Freitagnachmittag, und ich bin bei A. Die anderen sind auch da. S., der vor vier Jahren aus Berlin wieder zurück zu seiner Mutter nach Bingen zog, L., mit der ich vor 20 Jahren zusammen gewohnt hatte, und ihr Freund, der sich in Füllfederhaltern gut auskennt und in einem Füllfederhalterclub ist. Man trifft sich ein-, zweimal im Jahr im Hinterzimmer einer Kneipe, führt sich seine Füllfederhalter vor und fachsimpelt. In den meisten Großstädten dieser Welt gibt es Füllfederhalterclubs. Eine gemeinsame Bekannte – die Schriftstellerin X – würde auch manchmal zu den Treffen kommen und neulich wäre auch ein chinesisches Pärchen dabei gewesen. Sie hätten aber kaum was gesagt.

Wir essen Gulasch; es schmeckt ganz fantastisch. An der Wand hängt ein Plakat, das für ein Festival mit Punkbands wirbt. Es sieht aus wie aus den 1980er Jahren, die Bandnamen klingen auch so, es ist aber vom letzten Sommer.

Ich erzähle M. von meiner Plattenspielerproblematik. Als ich erzähle, dass mein Plattenspieler nicht auf der neuen Anlage läuft, fragt er, ob sie denn auch einen Phonoanschluss hätte, und erklärt, dass die meisten Anlagen seit zehn oder zwanzig Jahren schon keinen Plattenspieleranschluss mehr haben und dass ich nur einen Vorverstärker brauche, den ich mir am nächsten Vormittag dann auch bei Conrad kaufe.

Zu Hause höre ich testweise das Weiße Album der Beatles, das ich mit 14 zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Ich bin erstaunt, dass mir „Mother Nature Son“ nun am besten gefällt, und etwas enttäuscht, dass es nicht besser klingt als digital. Auch wenn das Haptische schön ist, wie man so sagt, und dann rutscht auch noch die Nadel über die Platte, weil zu viel Staub an ihr klebt – wie ärgerlich!

Vergeblich suche ich den samtweichen Abstaubpinsel, der normalerweise in einer dafür eigens entwickelten Vorrichtung auf dem Plattenspieler, links neben dem Tonarm-im-Nichtbetrieb, steckt. Stattdessen nehme ich dann halt eine Zahnbürste. Leider hab ich nur „hart“, aber es geht auch.

Eine kleine Verbesserung ist eingetreten, zumindest stolpert man nicht mehr ständig über das Kabel, das den Laptop mit der Anlage verbindet. Ich trau mich nicht, die Musik laut zu hören. Keine Ahnung wie die Nachbarn reagieren würden, oder ob überhaupt welche da sind. Es scheint schon etwas stille geworden zu sein wegen Weihnachten, nur ein Motorrad von Weitem.

Am nächsten Tag wehen zwei Schneeflocken in mein Gesicht. Ich besuche M. Es ist sehr warm in seiner Wohnung. Es war ein furchtbares Jahr. Ich esse Stollen und Pulverkaffee und bewundere seine große Teebeutel­teeauswahl auf dem Kühlschrank.

Im Radio läuft Bundesliga. Wir sitzen am Fenster. Er spielt ein Läuferfianchetto; ich antworte mit irgendwas und am Ende hat er gewonnen. Wenn er aufstehen könnte, würde er nun aufstehen; so reißt er im Sitzen den Arm triumphierend hoch und verbeugt sich sitzend vor den imaginären Massen, so ähnlich, wie er sich, nach einer seiner vielen ausufernden Reden, vor fast vierzig vor den imaginären Massen verbeugt hatte, am Fenster des Asta-Hauses in Gießen.