Isolde Charim Knapp überm Boulevard

Eine Klasse für sich und eine Klasse gegen sich

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Der Begriff der Klasse ist wieder da. Lange Zeit diskursbestimmend, ist er in den letzten zwanzig, dreißig Jahren immer mehr verdrängt worden. Während sich andere Begriffe in den Vordergrund drängten. Schicht, Milieu. Zuletzt dann noch Tribe, Blase, Lifestylegruppe.

Aber nun ist sie wieder da, die Klasse. Und sie taucht an den unerwartetsten Stellen wieder auf. Etwa bei Andreas Reckwitz. Ausgerechnet ein Theoretiker der Singularisierung, der Besonderung und Vereinzelung also, spricht wieder dezidiert von Klassen. Aber er fasst sie neu: Diese sind nicht mehr rein ökonomisch, sondern auch wesentlich kulturell bestimmt. Denn deren Hierarchie verdankt sich Anerkennung oder eben Entwertung. So macht er etwa eine aufsteigende „neue Mittelklasse“ aus – dazu gehören für ihn alle Liberalen, vom Neo- bis zum Linksliberalismus. Während die „alte Mittelklasse“ der Industriearbeiter und kleinen Angestellten auf dem absteigenden Ast ist – nicht rein ökonomisch, sondern durch Entwertung ihrer Qualifikationen und Anschauungen.

Man kann darüber streiten, ob Klasse der adäquate Begriff dafür ist. Eindeutig aber ist: Wenn man heute von Klassen spricht, sind diese neu zu definieren.

Dazu gehört auch, dass die Unterscheidung von Klasse an sich – als objektiver Lage – und Klasse für sich – als Bewusstsein dieser Lage – nicht mehr ausreicht. Es bedarf vielmehr einer Ergänzung um ein weiteres Moment. Und das ist das Moment der Klassenscham. Denn dies haben singularisierte Individuen viel eher als ein Klassenbewusstsein.

Klassenscham – man kennt das als Phänomen des Proletariats oder des Kleinbürgertums. Zuletzt haben etwa Didier Eribon oder Annie Ernaux beschrieben, wie diese Klassenscham den Einzelnen bestimmt. Wie sie auch beim sozialen Aufstieg nicht verschwindet. Wie sie einen gefangen hält in der Klasse, aus der man sich doch lösen, die man doch überwinden will. Die sich aber gerade beim Aufstieg meldet, weil man die Codes nicht kennt, weil einem die Souveränität fehlt.

Es gibt aber noch eine andere Klassenscham – jene der Bürgerkinder. Und diese funktioniert – klassenbedingt – genau anders herum. Klassenscham ist das, was Bürgerkinder dazu treibt, ihre Klasse zu überwinden, sie zu verlassen, sie zu verleugnen. Hier zeigt sich, dass das Klassensein nicht nur darin besteht, die eigenen Klasseninteressen zu verfolgen. Nein, auch die Abwehr der eigenen Klasse gehört dazu. Anders gesagt: Auch die Scham ist eine Art, seine Klasse zu leben.

Es scheint nicht unwichtig, solche Phänomene in den Blick zu bekommen. Denn wie etwa die freiwillige Unterwerfung, so ist auch die Klassenscham eines jener heute grassierenden Phänomene, die Menschen dazu treibt, ihren objektiven Interessen zuwiderzuhandeln. Ja, sich entgegen diesen Interessen zu engagieren.

Das sind Phänomene, wo das Psychische die objektive Klassenlage konterkariert. Ein Psychisches, das nicht rein individuell ist – denn es ist ein Gruppenphänomen. So wie etwa viele Kinder von CDU-Eltern in den 70er Jahren ­RAF-Sympathisanten waren.

Wenn Reckwitz Rechts- und Linksliberalismus zu einer Klasse zusammenspannt, wenn er meint, diese beiden Liberalismen würden trotz aller Gegensätze gemeinsam die „neue Mittelklasse“ bilden, dann muss man sagen: Diese beiden sind nicht nur diametral entgegengesetzte Kontrahenten – zwischen ihnen verläuft auch eine Schamgrenze, der Scham-Rubikon. So haben Neoliberale einen schamlosen Zugang zu ihren Klassenverhältnissen und den damit verbundenen Gütern und Privilegien. Während Linksliberale – also das Phänomen einer Linken, die von einem neuen Bürgertum getragen wird – genau diese Identität verweigern. Für diese ist die Klassenscham ihr Motor. So basiert auch das soziale Gewissen auf ebendieser Scham. Ebenso wie diese auch moralische Politik befördert. Hier haben wir statt einer Klasse-für-sich eine Klasse-gegen-sich.

Aber man entgeht seinem Klassenschicksal nicht. Denn wie gesagt: Auch die Scham, auch die Überschreitung ist eine Art, sein Klassensein zu leben.

Isolde Charim ist freie Publizistin in Wien