So viel Kritik muss sein: Jan-Paul Koopmann übers Peter Weiss' Marat/Sade-Stück dargestellt durchs BAT

Revolutionen von gestern

Was heißt schon Amateur? Das wird man sich zur Gründung des BAT gefragt haben, sonst stünde das Wort ja nicht auf dem Türschild: BAT steht für Bremer Amateur Theater. Und ein Laie, der sich selbst Amateur nennt, muss großes Selbstbewusstsein haben, weil er ja weiß, wie abwertend das Wort klingen kann. Jetzt, nach 26 Jahren, mit der Namensgebung anzukommen, wo nicht mal ein runder Geburtstag ins Haus steht, hat mit dem Stück zu tun, das am Wochenende im BAT Premiere feierte: „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“.

Für diese Inszenierung von Peter Weiss‘ Revolutionsreflexion ist nun wirklich beides wichtig: das große Selbstbewusstsein, weil‘s schwerer Stoff ist – und das Laienspiel, weil es darum auch inhaltlich geht. Das von Insassen der Psychiatrie Charenton aufgeführte Stück im Stück ist ja selbst Amateurtheater und bietet Gelegenheit, kleine Schnitzer und aus klammer Kasse bezahlte Billigrequisiten als Absicht zu verkaufen. Das klappt, solange die Brüche zwischen Binnenspiel und Rahmenhandlung funktionieren.

Dafür setzt die Inszenierung von BAT-Mitgründer Olli Huhn mit Erfolg auf die komischen Momente des Stücks. Im Kern hockt da Revolutionsführer Marat (Dominik Santner) in der Badewanne und wartet auf seine Ermordung. Drumherum wuselt der Chor herrlich keifend und ausdrucksstark, während Anstaltsleiter (Olli Huhn) und Ausrufer (Maren Barthold) als Zensoren, Souffleusen, Kommentatoren und Anstandsdamen eine fragwürdige – weil undemokratische – Ordnung in dieses Chaos bringen. Sie helfen überdeutlich beim Text, ziehen mahnend die Augenbrauen hoch oder schicken auch schon mal den „Pfleger“ mit Gummiknüppel ins Getümmel – bitterer Humor mit ernstem politischen Gehalt: Das Training des Schauspielers und der im doppelten Sinne geprobte Aufstand fallen zusammen als Akt der Menschendressur.

Die Inszenierung versucht sich gar nicht erst an einer Aktualisierung, wie sie für „Marat/Sade“ immer üblicher werden, je unmöglicher eine libertäre Revolution zu werden scheint. Tatsächlich wirkt der zentrale Konflikt des radikalen Individualisten de Sade (Patrick Oberste-Sirrenberg) und des Revolutionärs Marat heute wie aus der Zeit gefallen. Die Ungerechtigkeiten der Welt, die Weiss 1966 von Figuren des 18. Jahrhunderts aussprechen ließ, gibt es natürlich noch. Aber dass tatsächlich mal wer inhaltlich über das Wie der radikalen Abschaffung stritte?

Je abstrakter das Thema des Stücks scheint, desto mehr Aufmerksam erfährt seine Form. Und das klappt hier gut: die Trennung beider Erzählebenen, die Disziplinierung der Masse und das Ringen um die Wahrheit. Und das alles wird ja auch nicht weniger drängend, nur weil heute auch das Rahmenstück so historisch geworden zu sein scheint.

Wieder: 19. & 20. 10., Union-Brauerei, Theodorstr. 13a sowie 2. & 3. 11., Theater 62, Lessingstr. 12 , jeweils 20 Uhr