berliner szenen

Bei uns suchen sie immer

An der Greifswalder Straße steigt eine Frau zusammen mit einer Gruppe grölender Männer in die Ringbahn. Sie sieht aus, als würde sie zu der Gruppe Betrunkener gehören: Ihr Gang ist wacklig, ihre Hände zittern.

Während die Männer sich setzen, bleibt sie aber stehen und beginnt mit leiser Stimme: „Bitte verzeihen Sie, es fällt mir nicht leicht, Sie zu stören, aber ich habe keine andere Wahl: Mein Chef hat mich gekündigt und den letzten Monat nicht mehr bezahlt. Das Jobcenter kümmert sich erst, wenn ich alles schriftlich habe, und selbst die Tafel gibt mir ohne einen Wisch vom Jobcenter nichts. Kennt einer von Ihnen vielleicht wen, der’ne Putzfrau braucht oder einen anderen Job zu vergeben hat, oder kann hier jemand vielleicht selbst etwas Hilfe im Haushalt gebrauchen? Ich kann hart anpacken und bin mir für nichts zu schade.“

Sie läuft den ganzen Waggon ab. Haben Sie vielleicht etwas Geld oder Interesse an meiner Nummer? Die angetrunkenen Männer sehen alle auf den Boden oder aus dem Fenster. Ein circa 18-Jähriger zückt sein Portemonnaie und reicht ihr ein Zwei-Euro-Stück. „Noch meine Nummer?“, fragt sie ihn mit immer noch zitternder Stimme und sieht dabei etwas an ihm vorbei. „Vielleicht als Geschenk für die Mutter?“

Er nimmt ihre Nummer und sagt: „Ich arbeite bei Görtz. Da suchen sie immer.“ Die Frau sieht ihn an. „Aber sicher nur Junge.“ Er lächelt. „Nee, bei uns arbeiten auch Ältere.“ Die Frau guckt ungläubig. „Ich habe mich in den letzten vier Tagen an zig Orten beworben. Immer dasselbe: Zu alt, zu alt, zu alt. Da stimmt doch irgendwas nicht, dass man mit 50 bereits ausrangiert wird. Das heißt, ­außer man ist fest – dann muss man ja sogar bis siebzig bleiben. Von einer Siebzigjährigen aber will doch niemand mehr beim Schuhkauf beraten werden.“

Eva-Lena Lörzer