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Die Frage nach der Schuld

Am Anfang jeder Redaktionskonferenz steht eine Blattkritik, in der die Ausgabe vom Vortag besprochen wird. Am Montagmorgen ist Christian Bangel, Chef vom Dienst bei von Zeit Online, da, ein Gastkritiker also. Er sagt, er lese die taz gerne, weil sie den Raum für Diskussionen nach links öffne und weil er gerne lacht.

Und dann spricht er viel über einen Text mit der Überschrift „Wir waren wie Brüder“ von Daniel Schulz. Auf vier Seiten hat der taz-Redakteur seine Alltagserfahrungen in einem brandenburgischen Dorf nach der Wende beschrieben. Es ist die Erzählung einer ostdeutschen Jugend mit langen Haaren, Angriffen von Neonazis und rechten Freunden.

Christian Bangel, gleicher Jahrgang (1979) wie Schulz und ebenfalls in Ostdeutschland geboren, lobt die dichten Schilderungen und die analytischen Rückschlüsse. Schwierig findet Bangel aber die Frage nach der Schuld, sich damals nicht klar gegen Rechts positioniert zu haben, die der Autor im Text an sich selbst stellt.

Es entspinnt sich eine Diskussion über ost- und westdeutsche Erfahrungen in der Nachwendezeit. Der Text öffnet den Raum, nicht nur um über die 1990er Jahre in Ostdeutschland, sondern auch über gegenwärtige Schulterschlüsse zwischen sächsischen BürgerInnen mit Rechtsradikalen zu reflektieren, sagt eine Kollegin.

Hast du gemerkt, dass die Diskussion zuerst nur unter ostdeutschen RedakteurInnen geführt wurde, fragt ein Kollege. Er hat recht, jedoch nur für den Moment. Später an den Schreibtischen wird munter weiter debattiert.

Julia Boek