heute in bremen

„Wilde Gedanken im Kapitalismus“

Foto: privat

Anna Egerter, Jahrgang 1992, studiert Kunst im Sozialen an der HKS Ottersberg, arbeitet mit Objekten, Licht und Rudimentär-Kameras.

taz: Frau Egerter, haben Sie Selbstbeobachtungsmaschinen gebaut?

Anna Egerter: Vielleicht. Der Autostalker geht am ehesten in die Richtung.

Der Autostalker?

Das ist ein kleines Kästchen mit Guckloch und Beleuchtung: Wenn man die anschaltet, sieht man an der Rückwand des Kästchens einen Zettel, auf dem das Wort „mich“ steht. Die bedienbaren Maschinchen, die ich zeige, drehen sich aber eher um das Konzept des Panoptikums, wie es der englische Sozialreformer Jeremy Bentham um 1800 als Gefängnismodell entwickelt und Michel Foucault als Inbegriff moderner Machttechnik definiert hat.

Die komplette Überwachung.

Ja: Das ist ja etwas, das sehr spürbar ist, das wir heute großen Software- und Social-Media-Konzernen wie Google und Facebook zuordnen, was wir aber in Zeiten von Smartphones auch selbst sehr stark betreiben.

Alle sind Objekt einer Überwachung ohne Subjekt?

Ein Subjekt ist ja im Grunde bei Bentham schon nicht mehr gegeben: Der sieht einen Turm vor, von dem aus alle beobachtet werden können. Es ist aber nicht klar, ob darin jemand sitzt. Die Architektur alleine reicht. Heute ist das noch diffuser: Ich habe das Gefühl, überall zeichnen Kameras ständig alles auf, unklar, wofür. Diese Möglichkeit des Beobachtetseins lässt konform sein. Sodass man sich dreimal umguckt, bevor man in der Nase popelt.

So viel zur Lage. Was aber macht die Kunst?

Ja, was macht die eigentlich? Ich habe Objekte gefunden, in denen sich für mich etwas von diesem Gefühl des Überwachtseins konkretisiert, reflektiert – und ironisch bricht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel ein Plastiskop, …

… so’ n Spielzeug-Fernseher?

Ja, wo man draufdrückt und dann lässt sich darin ein Bild betrachten. Und dieser Plastiskop hieß auch noch: Wildfreigehege. Das fand ich schon vom Wort super. Es ist so herrlich widersprüchlich und kann deshalb als ironischer Kommentar zu einem Lifestyle gelten, in dem Reiseabenteuer eingehegt sind in bestehende, postkoloniale Strukturen, wilde Gedanken brav an ihrem Platz im Kapitalismus.

Man könnte es auch als selbstironischen Kommentar auf Ihre „Nische für Kunst“ deuten …

Panoptika. Objekte und Maschinen von Anna Egerter, Vernissage heute, 19 Uhr und dann nur noch Sonntag, 22. 10. ,14-18 Uhr, im 1. Automaten Futter Laden – Nische für Kunst, temporäre Galerie, Hohentorsheerstr.1, die am 28. 10. schließen muss.

Autsch. Daran hatte ich so nicht gedacht. Aber im Grunde ja.

Das war nicht böse gemeint! Nur, es ist halt die letzte Ausstellung im 1. Automaten-Futter-Laden – und Sie brauchen eine neue Location?

Fest geplant ist noch nichts. Es war von Anfang an klar, dass das hier nur neun Monate gehen würde, und das war für uns auch gut, einerseits, weil wir nicht sicher waren, ob wir das neben Studieren und Jobben hinkriegen, andererseits, weil so ein enger zeitlicher Rahmen ja anspornt, etwas umzusetzen. Aber die Erfahrung ist: Es hat alles gut geklappt. Und wenn sich etwas anbietet, würden wir das wieder machen.

Finanziert per Crowdfunding?

Ja, das beginnt in den nächsten Tagen und läuft bis 19. November. Interview: bes