nord.thema

AUS- & WEITERBILDUNG

verlagsseiten der taz.nord zum thema

Steht im Vordergrund: die Vereinbarkeit von Job und Kind Foto: Sophia Kembowski/dpa

Koworking mit Kind

VEREINBAR Der Spagat zwischen Familie und Beruf ist für viele Eltern schwierig. Angebote wie das „Rockzipfel“-Gemeinschaftsbüro wollen die Vereinbarkeit auf ihre ganz eigene Weise verbessern. Mit Erfolg: Die Mischung aus Büro und Kita ist gefragt

von Birk Grüling

Neben dem Laptop von Karin Gliesmann liegt ein großer Stapel Papier und einige Fachbücher. Die Sportwissenschaftlerin ist in den letzten Zügen ihrer Doktorarbeit. Das Thema: „Die Auswirkungen von Nachtschichten auf den Körper“. Während sie gerade die letzten Erkenntnisse aus den Probandendaten zusammenschreibt, flitzt ihr Sohn auf seinem Bobbycar über den Flur der Bürogemeinschaft.

Büro mit Betreuung

„Ich will meine Promotion am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf beenden und gleichzeitig möglichst viel Zeit mit meinem Sohn verbringen“, sagt Gliesmann. Für diese Vorhaben sind die „Rockzipfel“ in Hamburg ein guter Ort. Hinter dem ungewöhnlichen Namen verbringt sich ein Koworking-Büro mit Kinderbetreuung.

Die Idee vom Koworking stammt noch aus den Zeiten der New Economy. Für einen Tages- oder Monatspreis mieten sich Selbstständige und Freiberufler einen flexiblen Arbeitsplatz in einem Gemeinschaftsbüro. Zum Konzept der Hamburger „Rockzipfel“ gehört neben einem Schreibtisch, Wlan und Kaffee satt auch eine Tagesmutter. Sie kümmert sich um eine feste Gruppe von fünf Kindern im Alter von ein bis drei Jahren.

Zusätzlich gibt es eine flexible Spielgruppe mit einer Babysitterin. Ein Vollzeitschreibtisch samt professioneller Kinderbetreuung kostet mit einem Hamburger Kita-Gutschein etwa 175 Euro pro Monat. Wer sein Kind nur tageweise mit ins Büro bringt, kann auch ein flexibles Zehner-Ticket kaufen.

Leiterin Linda Heydrich-Liu findet die kinderfreundliche Erweiterung des Koworking nur konsequent: „Mit ihrer Idee vom mietbaren Gemeinschaftsbüro wurde auch die digitale Boheme erwachsen und gründete Familien. Nun suchen sie nach neuen Konzepten, um flexible Arbeitsmodelle und Familienleben zu verbinden.“

Die ursprüngliche Idee dazu stammt aus Leipzig. In der hippen Ost-Metropole suchte Autorin, Übersetzerin und 3-fach-Mama Johanna Gundermann nach einer sinnvollen Kombination von freiberuflicher Arbeit und Kinderbetreuung. Ihr Ansatz: Die Eltern sollen ihrem Beruf nachgehen und die Kinder so weit wie möglich am Leben der Erwachsenen teilhaben. Mit dieser Alternative zu Kita und Teilzeitstelle traf sie einen Nerv. Schnell meldeten sich Leute aus allen Teilen der Republik.

Die Kinder sollen am Leben der Eltern teilhaben

Inzwischen gibt es auch im Norden einige Ableger. Koworkind in Hannover ließ sich durch das Leipziger Modell inspirieren. In Hamburg gibt es inzwischen zwei „Rockzipfel“-Büros. Das grundsätzliche Konzept ist bei allen Anbietern ähnlich. Unterschiede gibt es vor allem bei der Betreuung. In Hamburg und Hannover setzt man auf professionelle Kinderbetreuung und feste Öffnungszeiten. In Leipzig und Dresden übernehmen Eltern und Ehrenamtliche die Bespaßung des Nachwuchses. Gemeinsam haben sie dagegen ein großes Interesse seitens der Eltern.

Auch Heydrich-Liu hat gut zu tun. Im Moment kommen zwölf Bloggerinnen, Doktoranden und eine Grafikerin regelmäßig mit ihrem Nachwuchs in den Koworking-Space. Dazu gibt es immer wieder Gäste auf Zeit. Am meisten nutzen Mütter das Gebot. „Väter sind im Moment Mangelware. Aber wir hatten auch schon Monate, in denen ein halbes Dutzend Väter mit ihren Kindern herkamen“, berichtet die Leiterin. Ein weiteres Indiz für das wachsendes Interesse: Seit Mitte Juni gibt es eine Kooperation mit dem „Betahaus“ in Hamburg. Während der Testphase war die Kinderbetreuung auf den Freitagvormittag beschränkt. Im September zieht das „Rockzipfel“-Büro vom Eimsbütteler Marktplatz komplett ins „Betahaus“ im Schanzenviertel.

Verwunderlich ist die steigende Nachfrage nicht. Die Zahl der Alleinverdiener-Haushalte sinkt stetig. Immer mehr Mütter kehren schon bald nach der Geburt in das Berufsleben zurück. Angebote wie Ganztagsschulklassen, der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz und das Elterngeld haben diesen Wiedereinstieg erleichtert. Gleichzeitig suchen immer mehr Eltern nach Alternativen zu Kinderläden und Kindertagesstätten.

Ein großer Treiber dafür ist das „Attachment Parenting“. Dahinter steckt ein beliebtes Erziehungskonzept, das davon ausgeht, dass ein Kind ständig engen körperlichen Kontakt zu einem Elternteil braucht. Die Kinder werden so lange gestillt, bis sie selbst nicht mehr wollen. Auch das Familienbett gehört dazu. Eine frühe „Fremd-Betreuung“ in der Kita lehnt dieses Erziehungsmodell eher ab. Neben pädagogischen Überzeugungstätern gibt es natürlich auch Eltern, die keinen Kita-Platz bekommen haben und sich längere berufliche Auszeiten nicht leisten können.

Viele Eltern suchen nach Alternativen zu Kitas

Gliesmann gehört ein bisschen zu beiden Gruppen. Die Sportwissenschaftlerin wollte nach der Geburt ihres Sohnes bald wieder in den Job zurückkehren. „Meine Promotion sollte endlich fertig werden. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mein Sohn, aber auch ich noch nicht bereit für eine Fremdbetreuung sind“, erzählt sie.

Der erste Versuch mit einer Tagesmutter scheiterte nach wenigen Wochen. Durch einen Zeitungsbericht erfuhr sie vom Angebot der „Rockzipfel“. Neugierig vereinbarte sie einen Schnuppertag und war sofort begeistert. „Die Atmosphäre ist hier total familiär“, sagt sie. „Außerdem kann ich viel Zeit mit meinem Sohn verbringen.“ Obendrein sei sie deutlich produktiver als am heimischen Schreibtisch.

Ihr Sohn hat inzwischen einen festen Platz bei der Tagesmutter. Die meiste Zeit verbringt er im bunten Spielzimmer. Im Ruheraum, nur eine Tür weiter, klappt seine Mutter gegen 9 Uhr ihren Laptop auf und arbeitet konzentriert bis zum gemeinsamen Mittagessen.

Die Zeit bis zum Mittagsschlaf verbringen beide gemeinsam. Danach widmet sich Gliesmann wieder ihrer Arbeit. Gegen 15 Uhr packen die beiden ihre Sachen und fahren nach Hause. Noch einige Monate möchte sie in diesem Rhythmus bei den „Rockzipfeln“ bleiben. Dann ist ihre Doktorarbeit fertig und ihr Sohn kommt in den Kindergarten.