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Neuseeland lässt sich nicht lumpen

„Wo die wilden Menschen jagen“ (Neuseeland 2016, Regie: Taika Waititi)

Kann sein, dass Taika Waititis Spielfilm „Wo die wilden Menschen jagen“ genau da endet, wo man es von einer solchen Geschichte erwartet. Er ist eine Komödie, also geht sie gut aus. Zwei Menschen, die sich anfangs nicht ausstehen können, sind sich sehr viel näher gekommen. Auf dem Weg dahin tut der Film allerdings sehr wenig so, wie es sich konventionellerweise gehört: Schlägt Haken in alle Richtungen, schlägt sich in die Büsche beziehungsweise führt zwischendurch einfach so einen Mann ein, der sich für einen Busch hält, tut Dinge aus heiterem Himmel, ist brutal lustig, brutal absurd, zückt zum Beispiel das Messer und sticht ein Wildschwein nieder.

Wer das Wildschwein sticht, das ist genauer gesagt Bella (Rima Te Wiata). Sie ist eine furchtlose Frau und sie lebt mit ihrem grummeligen Gatten Hec (Sam Neill) draußen, in schönster neuseeländischer Natur. Bei ihr landet Ricky Baker, ein elternloser Tunichtgut von dreizehn, vierzehn Jahren. Er ist dick, laut, unverschämt, hat seinen eigenen Kopf und will eigentlich gleich wieder weg. Bis er dann eben erlebt, wie Bella dem Wildschwein zeigt, wo es langgeht. Da ist er beeindruckt und kippt erst mal zu Seite. Sonst beeindruckt ihn allerdings wenig – und Julian Dennison spielt ihn in mit unverfrorener Robustheit und hat doch seine zarten Seiten: eine umwerfende Entdeckung. Das Bonding könnte der Beginn einer wundersamen Adoptivmutter-Adoptivsohn-Beziehung sein, nur ist Bella plötzlich tot. Viel Zeit für Erklärung, für Trauer nimmt sich Waititi nicht. Man sieht, als sie da liegt, überhaupt fast nur den über sie gekrümmten Körper von Hec.

Die kirchliche Trauerfeier ist grotesk, da hauen Ricky und Hec einfach ab. Weil Ricky nicht zurück ins Kinderheim will, geht er in den Wald. Er verläuft sich. Hec hinterher. Der bricht sich den Fuß. Sie schlagen ein Lager auf, mitten im Wald, für ein paar Wochen. Der Staat in Gestalt der ziemlich übereifrigen Dame vom Jugendamt beginnt das Schlimmste zu fürchten. Die beiden werden polizeilich gesucht.

Auf die Art akkumuliert der Film doch einiges an Geschichten. Er wird ein Roadmovie, nur ohne Road, denn die beiden, der junge Mann und der alte, sind die meiste Zeit in der Natur unterwegs. Und Neuseeland lässt sich nicht lumpen. Das ist erhaben, das ist grün, mit Bergen und Blicken ins Weite und Tälern dazwischen, aber so frisch und absurd und so sonnendurchglitzert, wie Waititi und sein Kameramann Lachlan Milne es filmen, erinnert es überhaupt nicht an mythischen mittelerdischen Quatsch. Es ist stadtfern und trotzdem von heute, auch wenn die Figuren, die den Weg der Flüchtigen queren, mal eher märchenhaft, mal eher grotesk, mal liebenswert sind.

„Wo die wilden Menschen jagen“ macht Sprünge und Schnitte, hält einen so immer in Atem. Einmal gegen Ende fährt die Kamera immer weiter rechtsrum im Kreis, und stets aufs Neue sind Ricky und Hec im Bild, obwohl die Fahrt scheinbar ohne Schnitt weitergeht. Ein formaler Sprung aus dem realistischen Register, das die Figuren, den Film, die Geschichte aber ohnehin die meiste Zeit nur gerade so bändigt.

Waititi ist voller Einfälle, aber eine bloße Jagd nach Originalität ist das nicht. Er findet vielmehr gerade in der Art, wie er tut, was er will, einen komplett eigenen Ton. „Wo die wilden Menschen jagen“ war ein Riesenerfolg, am Ende sogar der erfolgreichste neuseeländische Film aller Zeiten. Hollywood hat nach Waititi gerufen, der Superheldenfilm „Thor: Ragnarök“ ist schon abgedreht. Man kann nur hoffen, dass einer wie er sich auch in Hollywood den Eigensinn nicht austreiben lässt.

Ekkehard Knörer

Die DVD ist ab rund 12 Euro im Handel erhältlich.