Die Eine-Million-Dollar-Frage Jonas Lüscher lässt den Protagonisten seines Romans „Kraft“ im Silicon Valley Lebensstil gegen Lebenssinn in Stellung bringen

Warum alles gut ist

Einst bewunderte Kraft Thatcher und Reagan, jetzt wundert er sich über Amerika Foto: Ron Sachs/Gamma-Rapho/laif

von Shirin Sojitrawalla

Ein amerikanischer Internetmogul lobt die Preissumme von einer Million Dollar aus, für einen schlüssigen Vortrag über die Frage, warum alles gut sei und wie es dennoch zu verbessern wäre. Schon für diese Idee, die an Leibniz’ Beantwortung der Theodizeefrage gemahnt („die beste aller möglichen Welten“), dürfte man den 1976 geborenen Schweizer und Wahlmünchner Jonas Lüscher rühmen.

Doch es kommt noch viel besser: Richard Kraft, seines Zeichens Rhetorikprofessor in Tübingen (das ist der Lehrstuhl von Walter Jens), seit 14 Jahren in zweiter Ehe verheiratet mit der routiniert frustrierten Heike und Vater von Zwillingen und anderen Kindern, erscheint diese Eine-Million-Dollar-Frage wie eine Erlösung. Das Geld würde ihn mit einem Schlag aus seinen zahlreichen Mitte-des-Lebens-Krisen retten, die sich um Geld, Liebe, Denken drehen. Also macht Richard Kraft sich auf nach San Francisco, ins Silicon Valley, an die dortige Stanford University, wo sein alter Kampfgefährte István als Professor lehrt.

Jonas Lüscher folgt seinem Anti- und Titelhelden aus einer distanzierten Erzählposition heraus: Er heftet sich zwar an seine Fersen, blickt ihm in den Schädel und aufs Smartphone, lässt ihn ins Reden kommen, wobei er ihn immer wieder Ausflüge in die eigene Vergangenheit unternehmen lässt.

Doch all dies vollzieht sich aus der Sicht eines onkelhaften, manchmal göttlich erscheinenden auktorialen Erzählers, der auf Kraft blickt wie auf eine Marionette auf der Weltbühne: „Zu wissen, was er zu tun hat. Welch süße Empfindung verbindet unser Kraft damit. Eine flüchtige Empfindung ist es, das weiß Kraft, und gerade deswegen gilt es, den Moment zu nutzen und danach zu greifen, denn allzu oft kommt bald wieder der Zweifel und tut stetig nagend sein entkräftendes Werk.“

Mit satirischer Akribie

„Allzu oft kommt der Zweifel und tut stetig nagend sein entkräftendes Werk“, heißt es über den Helden Richard Kraft

Amerika konfrontiert den Intellektuellen und Wirtschaftsliberalen Kraft dabei immer wieder mit der eigenen Vergangenheit, die ihm auf dem kalifornischen Campus hochkommt wie saure Kirschen und ihn auch in Form von nur halb verdauten Frauengeschichten heimsucht. Dabei sind es zuallererst die eleganten, feingliedrigen Sätze Lüschers, die sich kunstvoll um die Ereignisse schlingen und dabei oftmals kein Ende nehmen, die einen in seinen Roman hineinziehen. Dass dieser Autor brillant schreiben kann, ist seit seinem 2013 erschienenen Debüt „Frühling der Barbaren“ allerdings kein Geheimnis mehr.

Schon in jener Novelle glänzte Lüscher mit plastischer Figurenzeichnung, satirischer Akribie und wortgewandter Gegenwartsdiagnostik. Doch alles, was damals noch ein wenig unausgegoren, haltlos und vorsichtig daherkam, wirkt jetzt entschieden, reif und, nun ja: kräftig. Dabei gelingt es ihm auch diesmal hervorragend, die Unzulänglichkeiten unserer Gegenwart auf ebenso unterhaltsame wie gescheite Weise auf den Punkt zu bringen.

All jenen, die ihr Heil im Konsum gefunden haben, schaut Jonas Lüscher besonders gern auf die unentwegt wischenden Finger. Kraft selbst legt ein ungeheures Interesse für Oberflächen, Äußerlichkeiten und Markennamen an den Tag. Die Rückblenden in die Geschichte der BRD entlarven ihn und seinen ungarischen Freund István in den 80er Jahren als Anhänger der FDP. Sie jubeln Ronald Reagan zu und verehren die eiserne Lady Margaret Thatcher und ihren rigiden Regierungsstil. Allein das macht Kraft und István zu Ausnahmefiguren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

An der Seite der beiden Marktliberalen erleben die Leser das Ende der sozialliberalen Koalition unter der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt und die „geistig-moralische Wende“ mit Helmut Kohl sowie die später folgende Wiedervereinigung der beiden ungleichen Hälften Deutschlands. Es sind die Brüche der deutschen Politik, an denen Lüscher seine Protagonisten entlangführt.

Dass später unter einem sozialdemokratischen Kanzler die liberalen Gesetzesvorhaben durchgeboxt wurden, dient dem Roman als Pointe am Rande. Wie es Lüscher überhaupt schafft, politische und ökonomische Fragen in eine mitunter hochkomische Campus-Satire zu betten. Dabei gelingen ihm geradezu ikonische Szenen, etwa wenn er Kraft einen Ruderausflug machen lässt, bei dem er erst sein Handy und dann beinahe sein Leben verliert.

Rund drei Wochen begleitet Lüscher seinen Protagonisten, lässt ihn in Amerika den Kapitalismus in seiner reinsten Form studieren, Lebensstil gegen Lebenssinn in Stellung bringen und dabei immer die Frage nach der besten aller möglichen Welten und ihren Optimierungsmöglichkeiten wälzen.

So gerät Kraft etwa mit dem real existierenden flüssigen Nahrungsmittelsubstitut „Soylent“ in Kontakt, das die Menschen nicht nur vor „rotting ingredients“ bewahrt, sondern auch davor, ihre Zeit mit Essen zu vergeuden: „Kraft schaudert. Das also ist die Zukunft. Nein, viel schlimmer noch, die Gegenwart: Man nehme eine menschliche Tätigkeit – in diesem Fall das Essen –, befreie sie von allen kulturellen Bedeutungen, von allen historischen Bezügen, von allem emotionalen Ballast, bis man den nackten, vermessbaren Kern vor sich hat.“

Krafts Gewissheiten lösen sich also peu à peu auf wie Seifenblasen, woraus sich, wie schon in Lüschers Erstling, knifflige Fragen nach dem Zustand und der Moral der Welt ergeben.

Jonas Lüscher: „Kraft“. Verlag C. H. Beck, München 2017, 235 Seiten, 19,95 Euro