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Wimmelbild Hohes Freakpotenzial und Willkommenskultur – Gideon Böss’ Reportagen „Deutschland, deine Götter“Heilkraft von Quark

Wer eine Reise macht, kann viel sehen. Aber auch einiges übersehen. Hält man sich an klassische Reiseführer, wird man üblicherweise durch Großstädte gelotst, zu Denkmälern der nationalen Geschichte, zu Schlössern, zu Burgen oder zu Regierungsgebäuden.

Man erhält mit „Insider-Tipps“ gekennzeichnete Ratschläge für Ausflugsziele, die etwas abseits der üblichen Touristenpfade liegen, aber den Aufwand lohnen würden, da zumindest die kleine Chance besteht, auch mal was von was erzählen zu können, was noch nicht jeder gesehen hat.

Der Schriftsteller und Kolumnist Gideon Böss hat nun ein Buch veröffentlicht, das vordergründig als Reportagesammlung angelegt ist, sich aber als äußerst überraschender und wirklich alternativer Reiseführer durch Deutschland bestens eignet. Was sich in „Deutschland, deine Götter. Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern“ entdecken lässt, macht sofort Lust auf eine Pilgerreise durch dieses heidnische Land voller religiöser Hexenkulte, Sekten, Kirchen und Gruppen. Zu sehen gibt es so etwas wie eine bislang eher unterbelichtete Parallelgesellschaft.

Die deutsche Landkarte wird zu einem Wimmelbild voller skurriler religiöser Gemeinschaften von Quäkern und Bahai über Baptisten und fliegende Spaghettimonster zur Heilsarmee, Raeliten und Me­tro­po­li­ten. Kreuz und quer durch die Bundesrepublik trifft Böss auf Drui­den­zirkel und Tempelgemeinden. Er spricht und isst mit Jesuiten und Aleviten, lässt sich erklären, warum in der Johannischen Kirche in Brandenburg an die Heilkraft von Quark geglaubt wird. Und er erfährt beim Hexenritual der Wicca, dass Gott auch Big Bang sein kann und steht in der sengenden Mittagshitze in der Pegnitz bei Nürnberg, um sich mit 200 Gläubigen mandäisch taufen zu lassen.

Der erklärte Atheist begegnet dem hohen Freakpotenzial mit journalistischem Interesse, versucht zu verstehen, was die Leute an die Kraft des Übernatürlichen glauben lässt.

Den Ruf Gottes hat Böss nicht gehört. Aber eine interessante Beobachtung hat er gemacht: „Die Begegnungen mit den Religionen waren zugleich Begegnungen mit der deutschen Zivilgesellschaft.“ Auf seiner Reise im vergangenen Jahr traf er keine religiöse Gruppe, die nicht mit größter Selbstverständlichkeit den Flüchtlingen Räumlichkeiten, Essen und soziale Hilfe anbot.

Den Ruf Gottes hat Böss nicht gehört, aber interessante Beobachtungen hat er gemacht

„Keine Gruppe hat mir von ­ihrer Flüchtlingshilfe erzählt, um sich zu profilieren. Meistens erfuhr ich es zufällig, etwa, wenn mein Gegenüber das Gespräch beenden musste, weil ein Behördengang mit Flüchtlingen anstand, die unterstützt wurden.“

Böss liefert hier kein Sammelsurium kurioser Freaks, die sich schrägen Ritualen unterziehen. Er berichtet vielmehr von Teilen der deutschen Gesellschaft, die vielleicht die wichtigste Basis der international so gefeierten deutschen Willkommenskultur 2015 war. Doris Akrap

Gideon Böss: „Deutschland, deine Götter“. Tropen Verlag, Stuttgart 2016. 398 Seiten, 19,95 Euro

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